Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften über neuere Kunst und deren Angelegenheiten
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1499400
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1503641
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Systeme 
Ueber die 
des 
Kircl 
lbal 
dessen geworden, was an dieser Stätte gefeiert werden sollte: ein tausend- 
stirnmiger Hyrnnus des Gebetes. 
Die Schönheit, die innerlich lebenvolle Entwickelung des gothischen 
Baustyles zeigt sich in den ausgeführten kirchlichen Gebäuden allerdings 
auf die mannigfaltigste Weise abgestuft. Sie sind noch verschiedenarti- 
ger als die des romanischen Baustyles; die Zeiten der Ausführung, die 
nationalen und lokalen Eigenthümlichkeiten haben darin die grösste Ah- 
wechselung, die vielfachsten Grade der Ausbildung hervorgebracht. Die 
Erscheinung der vollendeten Schönheit ist überall selten und ist es auch 
in diesem Falle. Die edelsten Beispiele des Styles, wenn auch nicht die 
Mehrzahl derjenigen, die mit dem reichsten Schmucke versehen sind, ge- 
hören Deutschland an; unter ihnen ist kein Gebäude höher zu schätzen 
als der Dorn von Köln. N0. 5 giebt eine Skizze der inneren Ansicht 
dieses Domes, wie er in seiner Vollendung erscheinen wird. 
Die Dauer des gothischen Styles hielt nur ein Paar Jahrhunderte an. 
Das Zeitalter des Wiedererwachens der Wissenschaften vernichtete seine 
Herrschaft, und zwar nicht blos das, was in seinen Formen als Aeusscrung 
des individuell mittelalterlichen Geschmackes bezeichnet werden darf. 
sondern zugleich auch jenes ganze Gesetz einer höheren, innerlich leben- 
digen architektonischen Dnrchbildung. Man konnte sich mit den phan- 
tastischen Elementen, die allerdings mit dem gothischen Style, grossen 
Theils jedoch schon als eine Ausartung des Geschmackes, verknüpft waren. 
nicht mehr befreunden; man verlangte statt dessen nach Einfachheit und 
Klarheit, und man fand, was man suchte, in den Werken des (zlassisclten 
Alterthums, zu denen man ohnedies durch die wissenschaftliche Richtung 
der Zeit hingetrieben war. Man bestrebte sich, den Architekturstyl des 
Alterthums wieder einzuführen, man schuf eine gelehrte Architektur. Frei- 
lich aber konnten die classischen Formen nur selten dem Bedürfuiss des 
kirchlichen Gebäudes entsprechen. Man kam nur in seltenen Fällen dazu, 
einfache Basiliken mit Säulenstellungen zu bauen, die man dann, so gut 
es ging, nach den Gesetzen der Antike ausbildete. Zumeist blieben es 
auch jetzt gewölbte Basiliken, mit starken Tlonnengewölben nach römischer, 
oder mit Kuppelgewölben nach eigentlich byzantinischcr Art, wobei es 
dann wiederum nüthig Ward, massive Pfeilerstellungen anzuwenden. Um 
aber dennoch das Gesetz des antiken Säulenbaues beizubehalten, legte 
man darüber Pilaster, Halbsäulen, auch freistehende Säulen, samrnt (len 
Gebälken und Friesen, wie solche durch die Regeln der antiken liauschule 
vorgeschrieben waren. Die architektonische Durchbildung bestand nur in 
einer mehr oder weniger müssigen Dekoration; es war ein Ztvitterzustand, 
ganz so und noch mehr, als wie in der alten römischen Kunst. Die An- 
sicht N0. (i, das lunere (ler Peterskirche zu Rom darstellcnd. giebt eins 
der Hauptbeispiele dieser modernen Behandlung des Kirchenbaues, das 
allerdings durch riesige Dimensionen und grossartige Verhältnisse  kei- 
neswegs aber durch lebendige Durehbildung  imponirt. In solcher Weise 
hat der moderne Baustyl sich mehrere Jahrhunderte lang erhalten, ob auch 
unter manchen Schwankungen, unter denen besonders das barocke Schnör- 
kelwesen in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts in sofern. bedeu- 
tend ist, als sich darin der entschiedene Drang nach einer reicheren Be- 
wegung dcr Formen, dem zu genügen man freilich sehr verkehrte Mittel 
aufwandtc, ausspricht. 
Ich erwähnte ebcn des byzantinischen Kuppelsystcmcs. Es ist nöthig,
        

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