Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften über neuere Kunst und deren Angelegenheiten
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1499400
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1503629
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Ueber 
Systeme 
die 
Kimhenbaues. 
des 
Umbildung des Basilikenbaues geltend, und zwar eine so folgenreiche, 
dass durch sie ein wesentlich neues architektonisches System hervorgerufen 
ward, Dies war die Anwendung des Gewölbs zur Ueberdeckung der 
Räume, und zwar einer eigenthümlich gegliederten und bewegten Form 
des Gewölbes. In gemessenen Abständen spannte man mächtige Querbögen 
 wie solche schon an den ilachgedeckten Basiliken in der Durchschnei- 
dung von Quer- und Langschiff erschienen waren  von der einen Wand 
des Schiffes zu der andern hinüber und füllte den Raum dazwischen durch 
Kreuzgewölbe aus, die, von jenen Querbögen getragen, sich zugleich selbst 
in gegenseitiger elastischer Spannung hielten. In stetem Wechel der Theile, 
stets die eine Bewegung an die andre knüpfend, leiteten diese Formen den 
Blick zugleich aufwärts und vorwärts. So war der Decke ihre Starrhcit 
genommen, waren die Seiten des Gebäudes mit einander in unmittelbare 
Verbindung gesetzt, war der Raum nach oben hin auf eine feierliche und 
zugleich lebenvolle Weise erhoben. Aber man begnügte sich nicht. diese 
Veränderung der inneren Einrichtung nur ausschliesslich an der Decke 
vorzunehmen; man sah sich zugleich genöthigt, mit ihren Formen auch 
die der übrigen Architekturtheile in ein unmittelbares, harmonisches Ver- 
hältniss zu setzen. Die grössere Last" der gewölbten Decke machte es jetzt 
nöthig, dass fast ausschliesslich Pfeilerstellungen (statt der Säulenstel- 
lungen) zum Tragen der Oberwände des Mittelschiifes angewandt wurden. 
Aus der Masse des Pfeilers aber traten nunmehr lebendig organische Glie- 
derungen, Pilasterstreifen und vornehmlich Halbsäulen, hervor; diese 
führte man an dem Pfeiler und an der Wand über ihm aufwärts und liess 
von ihnen jene Bögen des Gewölbes ausgehen. So erhielt die starre Masse 
des Pfeilers die Andeutung eines organischen Lebens; so wurde diese 
lebenvolle Form auch über die sonst ebenfalls starre Masse der Wand 
emporgezogen; so trat sie in unmittelbare Verbindung mit der lebendigen 
Bogenform des Gewölbes. Es war die Andeutung einer gleichmässigen 
Lebenskraft, welche, vom Boden emporsteigend, an Pfeilerstellungen und 
Wänden aufwärts drang und in dem Gewölbe ihren majestätisch erhabenen, 
in sich ausgerundeten Schluss erhielt. Dies System der gewölbten Basi- 
lika wurde auf die mannigfaltigste und verschiedenartigste Weise durch- 
gebildet. Je nachdem die Pfeiler eine reichere oder eine geringere 
Gliederung erhielten, je nachdem in Folge dessen etwa auch die Bögen 
der Pfeilerstellungen und die des Gewölbes gegliedert wurden, je nachdem 
man an den Oberwänden selbst Abtheilungen der einen oder andern Art 
anordnete (z. B. grössere oder kleinere Gallerieen über den Pfeilerstellun- 
gen), je nachdem man endlich die Formen der Gliederungen an sich stren- 
ger oder in weicherer Fülle bildete und mit ihnen ein reicheres oder ein 
bescheidneres Ornament verband, mussten sich tausend Unterarten des 
Systemes bilden. Ich nenne hier nur ein Beispiel, in welchem die Be- 
handlung der Formen zwar schwer und streng, selbst trocken erscheint, in 
welchem aber das (irundprincip der Anordnung eine so klare und gemes- 
sene Würde hat, wie kaum an irgend einem andern Bauwerke der Zeit. 
Es ist dies das Innere des Domes von Speyer. (Ansicht N0. 4.) 
Man benennt den architektonischen Styl, nach welchem in diesen Früh- 
epochen des Mittelalters die Formen gebildet werden, gewöhnlich, mit einem 
unpassenden Namen, als den .,byzantinischen Styl"; man hat neuerlich 
statt dessen den passenderen Namen des "romanischen" Styles eingeführt. 
Auf ihn folgt im Laufe des dreizehnten Jahrhunderts der sogenannte
        

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