Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften über neuere Kunst und deren Angelegenheiten
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1499400
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1503615
die Systeme 
Ueber 
das 
Kirchenbaues. 
391 
malerische Ruinen da. Vornehmlich die sächsischen Lande, und beson- 
ders die Orte am Nordrande des Harzes, sind reich an Bauresten solcher 
Art. Dabei hatten sich im Einzelnen mancherlei Modilicationen ergeben, 
ln der Bildung der architektonischen Details prägte sich der eigenthüm- 
liche Formensinn des Volkes oder Stammes, durch den das Gebäude 
errichtet war, die eigenthümliche Geistesriehtung der Zeit. welcher das- 
selbe angehört, aus; bald erscheinen hier roh befangene, bald phantastisch 
barocke, bald üppig spielende Bildungen. Vorzüglich wichtig scheint mir 
eine Moditication der ursprünglichen Anlage, die sich ebenfalls in Deutsch- 
land besonders häufig findet: die nernlieh, dass viereckige Pfeiler 
statt der Säulen erscheinen. Die Pfeiler bilden eine festere Masse als die 
Säulen; wenn von ihnen die oberen Wände des Mittelschiffes getragen 
werden, so löst sich jener Widerspruch zwischen der Kraft der Stütze und 
dem Drucke der Last auf. Aber dem Pfeiler an sich fehlt das organische 
Leben, welches der Gestalt der Säule ihre Bedeutung giebt: er setzt der 
Masse eben nur eine Masse entgegen, und die Basiliken, die statt der 
Säulenstellungen nur Pfeilerstellungen einhalten, gewähren demgemäss 
einen schweren, rohen Eindruck. Solcher Art findet sich eine bedeutende 
Anzahl alter Basiliken in den Itheinlantlen, auch anderwärts. Häufiger ist 
die Einrichtung, dass man die Vortheile der einen Anordnung mit denen 
der andern verband, (lass man Pfeiler und Säulen wechseln liess; und 
zwar in der Anordnung, dass der Abstand je eines Pfeilers von dem an- 
dern insgemein der Breite des Mittelschlfles glcichkam. Zwischen den 
Pfeilern wurden entweder je zwei Säulen oder deren je eine angeordnet; 
das erstere gab stets einen engeren und strengeren, das zweite einen freie- 
ren und offneren Eindruck. ln einigen, sehr seltnen Beispielen  und 
zwar in Solchen, wo die Pfeiler nur mit je einer Säule wechseln  findet 
sich hiebei endlich die Einrichtung, dass die Pfeiler unter sieh durch 
grössere Bögen verbunden sind und dass diese grösseren Bögen die klei- 
neren, welche von dem Kapital der Säule ausgehen. überspannen. Diese 
liirrrichtung scheint die vollendetste Ausbildung des eigentlichen Basili- 
lrenbaues zu enthalten, denn jene grösseren Bögen greifen ungleich bedeu- 
tender in die Last der Oberwände ein und setzen ihr, in Verbindung mit 
den kleineren Bögen, einen ungleich kräftigeren Gegendruck entgegen; das 
illissverhältniss zwischen Last und Stütze ist hier auf die edelste und 
wirkungsreiehste Weise ausgeglichen. Es ist befremdcnd, dass diese geist- 
volle Weise der Anordnung so höchst geringe Verbreitung gefunden hat. 
Ich habe sie fast nur in ein Paar Basiliken am Nordrantle des Harzes, die 
etwa dem Ende des elften Jahrhunderts angehören, gefunden. Das llaupt- 
beispiel dieser Art ist die Kirche des ehemaligen Klosters llrlysebtirg bei 
Halberstatlt, die überhaupt zu den am Besten erhaltenen Basililten in 
Deutschland gehört. Die Ansicht N0. 3 stellt das Innere dieser Kirche der. 
Alltlfe, zum Theil ebenfalls sehr erhebliche Modificationcn des Basi- 
likenbaues übergehe ich, wie die der Einführung eines (Juerschiffeß, 
wodurch die gesarnmte Kirche die geheiligte Grundform des Kreuzes er- 
hält, die Einrichtung des Chores und seine Erhöhung über dem Boden 
der Kirche, die Anordnung der Gruftkirehe u. s. w. Dies Alles sind 
Elemente, die, wie bedeutend und wichtig auch in andern Beziehungen, 
doch das Grundgesetz des Bansysteines in seinen wesentlichen Theilen 
nicht verändern. 
ln den Zeiten des zwölften Jahrhunderts machte sich indcss noch eine
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.