Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften über neuere Kunst und deren Angelegenheiten
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1499400
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1503590
Ueber 
die 
Systeme 
des 
Kir: 
zhexlbaues. 
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l)ie öffentliche Anerkennung der christlichen Religion und das Bedürf- 
niss, dem neuen Cultus Kirchen zu erbauen, fiel in die Zeit, in welcher 
die Cultur der alten Welt bereits in Verfall war. Die Erfindung einer 
völlig neuen Bauanlage, für die Zwecke der neuen Religion, lässt sich, 
wie überhaupt nicht, so in solcher Zeit am Wenigsten erwarten. Auch be- 
gnügte man sich damit, dass man vorhandene Bauanlagen, welche dem neuen 
Bedürfniss äusserlich am Besten zu entsprechen schienen. welche der Ver- 
sammlung der kirchlichen Gemeinde die zweckmässigste Gelegenheit gaben, 
einfach nachahmte. Die Tempel des Alterthums konnten dazu nicht 
passend sein, indem sie zumeist keinen ausgedehnten inneren Raum ent- 
hielten; sie waren zumeist nicht zur Aufnahme des Volkes bestimmt; im 
Gegentheil pflegte das Volk bei religiösen Festlichkeiten im Hofe des 
Tempels zu verweilen; die höhere architektonische Ausbildung war somit 
in der Regel mehr dem Aeussern als dem Innern der Tempelanlage zu- 
gewandt. Was man hier vermisste, fand man in einer andern Gebäude- 
gattung, in den Basiliken, auf zweckmässige Weise vorgebildet. Die 
Basiliken waren Gebäude, die einen mehr oder weniger ausgedehnten in- 
neren Raum umschlossen und zur Aufnahme einer grösseren Menschen- 
menge bestimmt waren; sie dienten als Börsen für den kaufmännischen 
Verkehr und zugleich als Gerichtshalleu zur öffentlichen Ausübung der 
bürgerlichen Rechtspflege. Sie wurden überall an den Stätten des römi- 
schen Lebens errichtet, und besonders die Stadt Rom selbst besass deren 
eine grosse Menge; einzelne waren hier mit der ersinnlichsten Pracht aus- 
gestattet. Leider sind von den Gebäuden solcher Art nur äusserst geringe 
Reste auf unsre Zeit gekommen; aus den Beschreibungen der alten Schrift- 
steller wissen wir, dass sie einen oblongen Raum bildeten, mit Säulen- 
gängen auf den Seiten und Gallerieen darüber. und dass sich an der einen 
Schmalseite, dem Haupteingang gegenüber. eine grosse halbkreisrunde Nische, 
das "llribullal, bßfand und in dieser die halbkreisrunde Sitzbank der Richter. 
Es waren einfach, was die Hauptform anbetrifft, Säu] enst-ile,  oder viel- 
leicht auch Säulenhöfe: falls ncmlich der mittlere Hauptraum unbedeckt 
war, was mehrfach bei den grösseren Basiliken der Fall gewesen sein 
dürfte. Jedenfalls müssen wir annehmen, dass die innere Anlage der 
antiken Basiliken völlig den Gesetzen des antiken Säulenbaues gemäss war. 
Auf dem ausgetheilteu Blatte ist unter N0. 1 die innere Ansicht einer 
antiken Basilika von grösserer Dimension dargestellt; im Hintergrunde der 
Ansicht sieht man die Nische des Tribunals. 
Die Kirchen, welche die Christen nach dem Muster der Basiliken 
bauten, wurden mit demselben Namen bezeichnet; man behielt die Säulen- 
gänge und auch die Nische des Tribunales bei. In der letzteren nahmen 
jetzt die Priester ihren Sitz, und davor wurde der Altar errichtet. Ohne 
Zweifel blieb man auch hier zu Anfang bei den Gesetzen des alten Säu- 
lenbaues stehen. Bald aber kam man zu bedeutenden Abweichungen. 
Sämmtliche Basiliken, die sich aus altchristlichcr Zeit in Italien, vornehm- 
lich in Rom und in Ravenna, erhalten haben, zeigen Eigenthümlißhkßileu 
in ihrer Anlage, die den Gesetzen des antiken Sänlenbaues entschieden 
widersprechen, die somit aufs Entschiedenste als eine Neuerung betrachtet 
werden müssen. Die Gallerieen über den Säulengängen verschwinden fast 
überall; statt der oberen Säulen, die jene Gallerieen bildeten, wertlen jetzt 
Wände emporgeführt, welche den oberen Raum des Mittelschitfvs abschliessen 
und deren Fenster dasselbe. da es stets bedeckt ist, beleuchten. Diese
        

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