Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften über neuere Kunst und deren Angelegenheiten
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1499400
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1503583
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Us-ber 
die 
Systßme 
des 
Kircl 
lenbaues. 
sind, von denen uns die Geschichte der Architektur Kunde giebt, so lassen 
sie sich dennoch, nach den vorzüglichst charakteristischen Theilen der Ar- 
chitektur, in zwei Hauptgattungen unterscheiden. Ich bezeichne die eine 
Gattung als den einfachen Säulen bau, die andre als den Bogenbau. 
Mit der Erscheinung der Säule beginnt zuerst das selbständige Leben der 
Architektur. Mit ihr tritt an die Stelle der starren, todten Masse ein or- 
ganisches, individuell ausgebildetes, individuell gesondertes Leben. Frei 
und kühn, wie der Gedanke des Menschen, strahlt die Säule aus dem 
Boden empor, in rhythmisch gegliedertem Spiele strebt die Säulenreihe 
dem Druck des Gcbälkes entgegen. Aber das Gebälk ist wiederum noch 
eine starre. bewegungslose Masse, wie anmuthig sie auch in verschiedenen 
Architektursystemen ausgeschmückt sein möge. Das Gebälk schliesst die 
Bewegung der Säule ab und stellt dem emporstrebenrlen Sinn eine feste 
Schranke entgegen. 'l'ritt aber an die Stelle des Gebälkes der Bogen, 
so ist diese Schranke hinweggethan; die aufsteigende Bewegung wird nicht 
abgebrochen; sie theilt sich, da sie freilich nicht in's Unendliche gehen 
darf, elastisch aus einander und vermählt sich in lebhaftem ÜIIlSCliWlInge 
mit der Bewegung, die von einem nächsten Punkte empor-gestiegen ist. 
Der Bogen ist das vollendende, das verbindende Princip der Architektur; 
er entwickelt sich weiter zum Gewölbe und giebt als solches dem inne- 
ren architektonischen Raume lebendigen Zusammenhang, gesetzliche Orga- 
nisation und Würdevoll freie Erhebung. Der einfache Säulenbau kehrt 
bei allen architektonischen Systemen der alten Welt wieder; so edel er 
im Einzelnen, so überaus schön er bei den Griechen ausgebildet erscheint, 
so bezeichnet er dennoch überall die Schranke der geistigen Erhebung, 
welche den Völkern der alten Welt gesetzt war. Zwar finden sich im 
Einzelnen schon bei den alten Völkern Beispiele der Anwendung von 
Bogen- und Gewölbformen; so in denjenigen altindischen Grottentempeln, 
welche für den Cultus der Buddhisten ausgeführt waren; so bei den Etrus- 
kern und vornehmlich bei den Römern. Aber es fehlt hier dieser Form 
durchweg noch an aller selbständigen Ausbildung; durchweg erscheint hier 
das Gesetz des eigentlichen Säulenbaues, der die Bogenformen zumeist 
umkleidet, noch als das vorherrschende. Man kann diese Erscheinungen 
höchstens als die Vordeutungen einer spätern Entwickelung betrachten. 
Die wirkliche Ausbildung des Bogen- und Gewölbebaues gehört dem 
christlichen Zeitalter an und ist nicht minder bezeichnend für jene höhere 
Erhebung des Geistes, durch welche diese Zeit sich von der alten unter- 
scheidet. 
Wir wenden uns nunmehr zur Betrachtung der Hauptformen des christ- 
lichen Kirchenbaues, wie dieselben sich in historischer Aufeinanderfolge 
geltend gemacht haben. Der Gegenstand ist höchst atlsgedehnt; ich be- 
schränke mich demnach auf die vorzüglichst wichtigen und entscheidenden 
Formen. Auch wird es genügen, wenn ich hier nur auf die künstlerische 
Anordnung des Innern der Kirchengebäude eingehe. Denn da das Ge- 
bäude zur Versammlung der Gemeinde bestimmt ist, so muss natürlich das 
Innere als das zunächst Wesentliche erscheinen; die Formen des Aeussern 
müssen sich durch die im Innern befolgten architektonischen Gesetze er'- 
geben, sie müssen, mehr oder weniger, das äussere Produkt, das durch 
jene erzeugt ist, ausmachen. So ist es in der That, wenigstens überall, 
wo man eine höhere Durchbildung der Systeme wahrnimmt, der Fall 
gewesen. 
        

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