Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften über neuere Kunst und deren Angelegenheiten
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1499400
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1503478
Neues aus 
Berlin 
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erhalten, drei grosse Reliefs anzufertigen, welßllß an der hiesigen Werder- 
kirche, und zwar an der äusseren Seitenwand, unterhalb der Fenster, an- 
gebracht werden sollen. Die Gegenstände dieser Reliefs, deren einige schon 
in leichten Skizzen auf unsrer grossen Ausstellung gesehen wurden, be- 
ziehen sich auf die mehrfach erfolgte Aufnahme protestantischer Emigran- 
ten, die ihre Heimat verlassen hatten und im brandenburgisch-preussischen 
Staate die Freiheit des Glaubens fanden, welche ihnen durch den Gewissens- 
drnck im eignen Vaterlande versagt war. Es sind: die Aufnahme der 
französischen Protestanten, die bei Aufhebung des Edikts von Nantes aus 
Frankreich und vor den dortigen Verfolgungen geflüchtet waren, durch 
Friedrich Wilhelm, den grossen Kurfürsten; die Aufnahme der Salzburger 
Emigranten durch König Friedrich Wilhelm I., und die Aufnahme der 
Zillerthaler durch K. Friedrich Wilhelm IIl. Es ist höchst erfreulich, in 
diesen Gegenständen der Kunst eine Aufgabe gestellt zu sehen, welche der 
ächtestcn historischen Bedeutung voll ist und, statt sich auf müssige 
Schaustellung einzulassen (womit man die Historie nur allzu oft abzufer- 
tigen liebt), vielmehr geradezu Momente hervorhebt, in denen sich der 
innere ethische Entwickelungsgang der Geschichte  und hier die ethi- 
sehe Grundlage für die xEntwickelung des preussischen Staates  ent- 
schieden aussprechen muss. 
Noch darf ich wohl eines absonderlichen treuen Kunstfaches gedenken, 
welches bei uns, die wir uns dessen früher nicht rühmen konnten, seit 
einiger Zeit ins Leben getreten ist. Ich meine die Karikaturen auf öffent- 
liche, besonders politische Verhältnisse und Zustände, die in rascher Folge 
erschienen sind, seit die Bilder keiner Censur mehr unterliegen. Es liegt 
in der Natur der Sache, dass hier noch nicht mit einem Schlage der rich- 
tige Takt, und dass vornehmlich nicht durchweg jene gentile Behand- 
lungsweise gefunden werden konnte, durch die allein die Satire eine 
höhere künstlerische Weihe zu erwerben vermag; sagt man doch überhaupt 
uns Deutschen nach, dass wir uns in öffentlichen Dingen noch immer 
leidlich ungeschickt gebahren. Auch ist noch kein eigentlicher Heros auf- 
getreten, der solchen Darstellungen ein entschieden charakteristisches 
Gepräge aufgedrückt hätte; noch Nichts von der solennen Meisterschaft, 
die sich z. B. in G. Schadows (des Bildhauers) vier unvergleichlichen 
Karikaturen auf Napoleon kund giebt. Neben manchem Verfehlten und 
Schwachen sind aber doch auch schon recht tüchtige Blätter erschienen, 
Darstellungen, die ihr Ziel schon ganz sicher und eindringlich zu treffen 
wissen. Auch mag das als eine wesentliche Förderung zu nennen sein, 
dass die Inschriften der Bilder immer noch censirt werden müssen, dass 
man diese mithin lieber ganz weglässt und sich dafür bestrebt, in der 
selbständig künstlerischen Darstellung zu einem um so prägnanteren Aus- 
drucke zu gelangen. Immerhin  und alle übrigen Gesichtspunkte bei 
Seite gestellt  lässt sich wenigstens behaupten, dass der kecke Spott und 
die vergnügliche Bitterkeit dieser Blätter eine frische Lebensluft in alle 
die Regionen der Kunst bringen, die durch die unendliche Wchmuth der 
Romantik und durch die Darstellungen des Allertrivialsten schon in eine 
starke Stagnation übergegangen waren. 

        

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