Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften über neuere Kunst und deren Angelegenheiten
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1499400
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1503383
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Ueber 
Ferdinand Kobell 
und 
seine Radirungexl. 
die meisterlichste Freiheit in Auffassung und Behandlung hervor. _Aber 
indem Kobell im Ganzen, wie bemerkt, mehr mit dem Auge als mit der 
Hand studirte, indem er dem Gedächtnisse vielleicht zu viel zutraute, ge- 
l-iegh e; dahin, wiederum in Etwas von der vollen Naturwahrheit abzu- 
weichen. Docli ist auch für diese Erscheinung noch ein tieferer Grund zu 
suchen. Kobell steht erst im Beginn einer neuen und freiern Zeit; es ist, 
in Gemässheit aller menschlichen Entwickelungs-Verhältnisse, sehr Dafür- 
lich, dass er die Gesetze der alten nicht mit einem Schlagegvollständig ab- 
zuschütteln vermochte, dass diese Gesetze auch noch auf ihncübschßn 91' 
ihr Gegner war, eine leise, doch immerhin erkennbare Nachwirkung äus- 
sm-ten, So löst sich von selbst der WVidcrspruch, dass er, für die freie 
Natiirwahrheit in der Kunst mit glücklichstem Erfolge wirkend, dennoch zu- 
gleich unter dem Eintlusse einer in Etwas conveniionellen Naturauffassnng 
erscheint. 
Doch ist dieser Uebelstand schon an sich nur gering und zugleich, wie 
bemerkt, unmittelbar mit einem sehr gültigen Streben verbunden. Er tritt 
aber noch ungleich mehr zurück, wenn man die anderweitigen, S0 erheb- 
lichen Vorzüge der Kobelfschen Blätter, von denen bereits die Rede Vital, 
in Erwägung zieht. Blickt man gar auf andre Arbeiten, die gleichzeitig 
mit diesen im Fache der landschaftlichen Radirung entstanden, so wird 
man sehr geneigt, den kleinen Fehler völlig zu übersehen. Man vergleiche 
z. B. die berühmten Radirungen des Salomon Gessner mit den seinigen. 
Auch hier sehen wir ein ausgezeichnetes Talent für landschaftliche Dar- 
stellung, auch hier in einigen wenigen Blättern eine freie Wahrheit in 
Auffassung und Behandlung; aber bei Weitem die Mehrzahl von Gessnefs 
Blättern verliert sich in eine süssliche Sentimentalität, welche die keusche 
Einfalt der Natur aufs Neue, und zwar in sehr durchgreifender Weise, in 
conventionellc Bande schlägt. 
S0 nehmen Kobells Radirungen eine durchaus ehrenvolle und bedeut- 
same Stelle in der Geschichte der neueren Kunst ein. So gewähren sie dem 
Freunde der Darstellungen einer schlichteren Natur einen vorzüglich reich- 
haltigen und nachwirkenden Genuss. So sind sie, wie wenig andre ihres 
Faches, sehr wohl geeignet, dem jungen Künstler zum Studium zu dienen, 
ihm über die wichtigsten Punkte, welche bei der landschaftlichen Zeich- 
nung zur Sprache kommen müssen, mannigfachen Aufschluss zu gewähren, 
und nicht minder auch in den Kunstschulen als höchst brauchbare Ver- 
bilder benutzt zu werden. Der neue Abdruck der Platten, die sich von 
ihm erhalten haben, wird demnach ohne Zweifel mit Beifall aufgenommen 
werden. Es sind dieselben, die bereits im Jahre 1809 bei J. F. Frauen- 
holz in Nürnberg, unter dem Titel: "Oeuvre complet de Ferdinand Kobell" 
etc., doch nur in einer sehr geringen Auflage erschienen. Eine kleine 
Anzahl andrer Platten war bereits früher in Paris herausgegeben; es 
scheint, dass diese untergegangen sind. Dasselbe ist mit Zuversicht von 
den Platten andrer KobelVschen Radirungen anzunehmen. Ein Verzeich- 
niss der sämmtlichen Radiruugen K0bell's, in welchen die Platten des. 
ehemals Frauenholüschen Verlags durch ein Sternchen bezeichnet sind, ist 
von einem vieljährigcn Freunde des Künstlers bearbeitet und mit biogra- 
phischen Nachrichten über den letztern im Jahre 1822 herausgegeben. Es 
führt den Titel: "Catalogue raisonnä des estampes de Ferdinand Kobell. 
Par Etienne Baron de Stengel.
        

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