Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften über neuere Kunst und deren Angelegenheiten
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1499400
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1503252
Nachtrag. 
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wiederum für eigene Rechnung aus und verkaufte denselben nachher eben- 
falls an Hrn. Gropius, der die Bilder sodann in Berlin und an andern 
Orten sehen liess. Ein uns vorliegendes Textblatt, welches bei den spä- 
teren Ausstellungen zur Erklärung der Bilder ausgegeben wurde, giebt 
eine Idee von der Auffassung derselben und zugleich von der Wirkung, 
welche die damals noch so neue Kunst-Technik auf die Beschauer hervor- 
zubringen geeignet war  Wir halten es nicht für überflüssig, dasselbe 
hier in wörtlichem Abdrucke folgen zu lassen: 
Perspektivisch-optische 
Gemälde. 
Einer unsrer jetzt lebenden berühmtesten Künstler, Herr Schinkel in 
Berlin, suchte in einer eignen Gattung von Gemälden Gegenstände der Natur 
und Kunst dem Auge so darzustellen, dass die Wirkung, welche die Behandlung 
gewöhnlicher, schon bekannter Pauoramen für das Auge hat, in ihrer höchst 
möglichsten Vollkommenheit nicht nur erreicht, sondern auch bei weitem über- 
troffen werde. Wenn das Auge bei Verlegung eines Panoramas, welches nur 
den allgemeinen Ueberblick einer ganzen Gegend in weniger bestimmten Gren- 
zen beabsichtigt, ungewiss von einem Gegenstande zu dem andern irrt, und, 
ohne gewissen Standpunkt, das Bild des Ganzen zwar aufnimmt, die einzelnen 
vorzüglich schönen Partien aber in der Masse zahlloser näherer oder entfernterer 
Gegenstände verliert oder nur unvollkommen beobachten kann; so gleitet es bei 
diesen Gemälden, sobald der Vorhang aufrollt, aus dem magischen Dunkel, wel- 
ches es vorher umschloss, durch eine ivohlgeordnete perspektivische Colonade 
auf Scenen, welche mit Kunst und Geschmack gewählt, zvveckmässig beleuchtet, 
bei einem bestimmten Gesichtspunkte, den forschenden Blick des Verstandes 
fesseln, ohne dem freien Fluge der Phantasie Grenzen setzen zu wollen.  Das 
reizende Land, worin die Wirklichkeit ein lieblicher Traum der Phantasie zu 
sein scheint, wo Natur und Kunst Meisterstiicke aufzustellen wetteiferten, gab 
dem Künstler Sujets, deren getreue Darstellung schon den Lohn seiner Erfindung 
sicherten.  Er führt uns zu der Hauptstadt des noch vor zwei Jahrhunderten 
so mächtigen, glücklichen und blühenden Freistaats Venedig, dem damals schützen- 
den Mäcen der Gelehrsamkeit und schönen Künste. Hier war der Zusammenüuss 
von Schätzen aller Welttheile, Venedig die Stadt, um deren Gunst die mächtig- 
sten Fürsten sich beeiferten, die Herrscherin der Meere. So sehen wir sie noch 
hier. Naht man sich auf dem Adriatischen Meere den friedlichen Lagunen, der 
ersten Wiege dieser schönen Stadt, so hat man den Standpunkt, von welchem 
der Künstler den herrlichen Theil des 
Markusplatzes 
den Broglio, umgeben mit den sehenswürdigsten Gebäuden aufnahm. Noch fes- 
selt die Ruhe die Menge geschäftiger Venetianer und neugieriger Fremden in 
ihren Zimmern und lässt uns ungestört in unsern Beobachtungen. Einzelne 
schwarze Gondeln und ein englisches Schiifsboot durchschneiden die Lagunen, 
in denen mehrere verschiedene Schiffe ruhig vor Anker liegen. Die Masten der 
grössten Kauifahrteisehiife verlieren sich in Nichts gegen den kolossalen Markus- 
thurm, welcher sich links hinter dem einen Tlieile des grossen, öffentlichen Ge- 
bäudes, welches den eigentlichen Markusplatz umsehliesst, erhebt. Rechts, nahe 
an den Lagunen, ist der alte Dogenpalast, im gothisehen, nahe an -den orienta- 
lisch-persisehen grenzenden Geschmackes erbaut, hinter welchem sich in einiger 
Entfernung die alte Markuskirche und zwei von deren fünf Kuppeln dem Auge 
darstellen. Den Hintergrund des Gemäldes schliesst derjenige Theil des grossen 
1) Auqh vor 
teristisch genug, 
der hingebeuden Stimmung, mit welcl 
derartige Erscheinungen aufnahm. 
lßf 
III 3.11 
damals 
charak-
        

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