Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften über neuere Kunst und deren Angelegenheiten
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1499400
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1502819
Schinkefs 
künstlerische 
Richtung 
Allgemein 
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lcrische Bedeutung. In alle dem steht der Architekt mit dem bildenden 
Künstler, der die Schönheit der menschlichen Gestalt zum Gegengtande 
seiner Darstellung macht, beinahe auf gleicher Stufe: die menschliche 
Gestalt ist ebenso ein durch die Natur Gegebenes, ist ebenso durch die 
Griechen in den vollendetsten Musterbildern hingestellt,  in Mustcrbil- 
dem, welche jederzeit die Bahn zur Ergründung der Schönheit bezeichnen 
werden; und doch sind auf derselben Bahn, auch für den heutigen Künst- 
ler, fort und fort neue und cigenthümlichc Erfolge zu gewinnen. 
Noch weniger aber kann von einer blossen Nachahmung griechischer 
Architektur die Rede sein, wo es sich um grössere Compositionen im 
Style dieser Kunst handelt. Das wesentlich Charakteristische der grie- 
chischen Architektur als solcher besteht eben vorzugsweise nur in jener 
Säulenhalle, wie dieselbe z. B. die Front oder die gestimmte Umgebung 
der Tempel bildet; Wenigstens sind uns von anderweitigen architektoni- 
schen Compositionen nur sehr wenige Beispiele erhalten. Die griechischen 
Gebäude erscheinen uns demnach, soweit wir sie kennen, vorherrschend 
als von sehr einfacher Anlage; wesentliche Unterschiede werden durch 
abweichende Anlagen, durch complicirtere Aufgaben, durch eine Zusam- 
mcnfügung verschiedener Massen zu einem grösseren Ganzen u. dergl. her- 
vorgerufen. Hier werden die Details der griechischen Architektur natür- 
lich durch ihr Verhältniss zu einem veränderten Organismus des Ganzen 
wiederum mannigfach modificirt werden müssen, werden die, Siiulenstellun- 
gen selbst oft nur als mehr untergeordnete Theile eines grösseren Ganzen 
erscheinen. Natürlich kann unter diesen Umständen (wie es leider der 
Beispiele zur Genüge giebt) gegen die Grundgesetze der griechischen Kunst 
gar arg gesündigt werden; im Allgemeinen aber sind ihre Formen keines- 
wegs in so enge Grenzen beschlossen, dass sie nicht auch eine weitere 
Anwendung für veränderte Zwecke gestatten sollten, dass nicht auch rei- 
chere Compositionen im griechischen Geiste durchzuführen wären. 
Hiebei drängt sich uns indess noch eine andre Frage auf. Wenn auch 
die griechische Architektur der mannigfachsten Beweglichkeit fähig ist, 
wenn auch durch die Befolgung ihres Styls eigenthümliche und selbstän- 
dige Leistungen auf keine Weise beeinträchtigt werden, ist es darum Ge- 
setz für uns, ist es der Sinnes- und Gefühlsrichtung unsrer Zeit ange- 
messen, dass unsre Bauwerke überhaupt im griechischen Siyle ausgeführt 
werden? Die Frage ist nicht ganz leicht zu beantworten. Gewiss ist der 
griechische Architekturstyl nicht als der einzig und überall gültige unter 
denen, welche die Geschichte der Baukunst uns kennen lehrt, zu betrach- 
te"; gewiss reichen die griechischen Formen, wie sie uns vorliegen, nicht 
hin, um die ganze Reihe derjenigen räumlichen Eindrücke hervorzubrin- 
gelf, die wir heutiges Tages zu einer vollendeten Befriedigung 111181111" 
Existenz verlangen,  so wenig. wie unsre Technik und unser Baumaterial 
sich überall ohne Zwang diesen Formen fügen. Wir werden somit unbe- 
dingt  und dies ist überall geschehen, wo die griechische Architektur von 
andern Völkern und andern Culturperioden aufgenommen wurde  für 
mannigfache Fälle auch andre Formen zur Anwendung bringen müssen. 
Aber wir haben nicht ausser Acht zu lassen, dass unsre Bildung seit drei 
bis vier Jahrhunderten wesentlich auf dem Studium des classischen Alter- 
thums begründet ist, und dass wir die Gegenwart nicht füglich anders 
auffassen können, als nach den Elementen, aus denen sie hervorgegangen. 
Wir können demnach diene Elemente nicht plötzlich von uns werfen, nicht
        

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