Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften über neuere Kunst und deren Angelegenheiten
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1499400
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1502702
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Berichtß, 
Kritikex 
Erörturnngau. 
Wendung auf die verschiedenen Weist-n bildlicher Darstellung zu erfreuen 
beginnt. Denn indem in ihr die Originalität des Künstlers, seine frische, 
schaffende Kraft in voller Unmittelbarkeit hervortritt, so wird sie ohne 
Zweifel ein wohlthätiges Gegengewicht gegen den eleganten, aber häufig 
nur zu wenig gehaltlosen Tand wohlfeiler Stahlstiche und. Lithographieen 
herstellen, mit dem in neuerer Zeit das genusssüchtige Auge der Halb- 
oder gar nicht Gebildeten genährt worden ist. Auch ist keine andre Kunst 
geeignet, die Eigenthümlichkeiten des Zeichners in gleich charakteristi- 
scher Weise wiederzugeben, als eben die Radirung; selbst nicht die Li- 
thographie, obgleich bei deren Anwendung der Zeichner, der eigenhändig 
die lithographische Kreide führt, noch weniger beschränkt scheinen dürfte. 
Immer wird die Radirung das voraus haben, dass in ihr ein jeder einzelne 
Strich sich als das unmittelbare Ergebniss des Gefühles kund geben muss. 
dass man in ihr das künstlerische Schaffen wie im Ganzen so in den ein- 
zelnen 'l'heilen bis in deren feinste Nuancen hinab, und zwar überall mit 
vollkommenster Bestimmtheit, nachempfinden kann. 
Wenn ich nicht irre. so haben die von Reinick herausgegebenen 
"Lieder eines Malers mit Randzeichnungen seiner Freunde" ein vorzüg- 
liches Verdienst an der neueren Verbreitung dieser schönen Kunst. Wohl 
die Meisten, die uns bis dahin radirte Blätter geliefert, waren entweder 
ausschliesslich Kupferstecher oder doch durch längere Uebung mit den 
Bedingnissen des Kupferstiches vertraut; die Uebrigen, besonders die Ma- 
ler, mochten glauben. dass das Radiren allerlei unbequeme Vorstudien 
erfordere und, dass dadurch ihrem sonstigen künstlerischen Treiben Ab- 
bruch geschehe. Durch Reiniclfs Liederbnch sah man plötzlich, dass 
es einer ganzen Reihe von Malern gelungen war, die Radirnadel auf er- 
freuliche Weise zu führen, und dass, wenn auch nicht Alles, weder an 
eigentlich künstlerischer Bedeutung noch an technischer Ausführung, glei- 
chen Werth hatte, so doch bei Weitem das Meiste als wohlgelungen be- 
zeichnet werden musste. So ist in der kurzen Frist, seit jenes Werk 
erschienen, manch ein treftliches Blatt gearbeitet, manch ein grösseres 
Werk begonnen, wodurch uns die entschiedensten künstlerischen Indivi- 
dualitäten in charakteristischer Weise gegenübertreten und den Kunst- 
freunden mannigfach willkommener und belehrender Genuss dargeboten 
wird. Gewiss wird man immer mehr sich dahin verständigen, dass, wenn 
auch das Radiren und Aetzen seine besondre Uebung erfordert, diese doch 
eben nicht allzu mühsam ist und durch die Freude, die der Künstler 
seinen Freunden und unbedenklich auch sich selbst bereitet, genügend 
aufgehoben wird. 
Unter den neueren Werken solcher Art dürfte das in der Ueberschrift 
genannte als eins der interessantesten zu bezeichnen sein. Es hat den 
Zweck, so viel als möglich von allen namhaften Künstlern, deren sich 
Deutschland heutiges Tages erfreut, eigenthümliche und eigenhändig ge- 
arbeitete Blätter zu liefern, so dass dadurch, wenn das Ganze zu einiger 
Vollständigkeit gelangt sein wird, dem Beschauer die anziehendste Ueber- 
sicht eröffnet sein muss. Der Umschlag der vorliegenden Lieferungen 
macht eine bedeutende Reihe von Künstlern namhaft, von denen zunächst 
Beiträge zu erwarten sind; zwei Lieferungen, jede zu 3 Blättern, sind bis 
jetzt erschienen, die schon gegenwärtig zu interessanter Vergleichung An- 
lass geben.
        

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