Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften über neuere Kunst und deren Angelegenheiten
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1499400
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1502442
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Berichte, 
Kritiken, Erörterungen. 
verbergen, indem vorausgesetzt wird, dass die Stadt vom Feinde bestürmt 
werde,  freilich eine Voraussetzung, auf die nicht jeder Beschauer als- 
bald verfallen dürfte, und die somit dem Vorgange etwas Unverständliches 
lässt. Auch hat derselbe eine mehr als günstig zerstreute Oomposition 
erhalten, und das Hauptinteresse verweilt bei einzelnen Gestalten, welche 
letzteren jedoch in der That bereits auf einen ungleich mehr routinirten 
Maler schliessen lassen würden.  Aufs Höchste überraschend aber ist 
das dritte Gemälde, ein kleines, höchst ergötzliches und anziehendes Genre- 
bild. Man sieht das Zimmer eines Advokaten, im Style des siebzehnten 
Jahrhunderts; in der Fensterbrüstung lehnt der Herr des Hauses und 
horcht, mit gemessenem Ernst und seines gewichtigen Wortes sich be- 
wusst, den Vorträgen zweier Männer, zwischen denen eine Process-Ange- 
legenheit zu schweben scheint. Der jüngere von diesen sitzt vorn, dem 
Advokaten entgegengewandt; er ist stutzerhaft nach der Mode jener Zeit 
gekleidet und spricht leicht, behende und mit sehr zierlichen und verbind- 
lichen Redensarten; dabei aber ist etwas Verlegenes in seinem Wesen. 
was er vergebens zu bemänteln sucht und was den Beschauer die geringe 
Gültigkeit seines Rechtes ziemlich deutlich erkennen lässt. Diese Gestalt ist, 
frei von aller Uebertreibung, mit höchst erquicklicher Laune dargestellt, mit 
einer Meisterschaft und Sicherheit in der Physiognomik und Allem, was 
dazu gehört, dass ihr die grösste Bewunderung des Beschauers zu Theil 
werden muss. Zwischen beiden Männern, etwas weiter zurück und im 
Halbschatten, steht der Gegner des jungen Sültzßrs, ein ältefef Mann. 
ruhig erwartend, bis die Reihe an ihn kommen wird, mit der Urkunde in 
der Hand, die sein gutes Recht verbürgt. Ebenso wie dieser poetische 
Theil des Bildes, ist aber auch dessen technische Ausführung gleich wohl- 
gelungen; die Lebenswärme und Kraft der Farben. die Reinheit der Luft- 
perspective und des Helldunkels, die Harmonie des Ganzen, die durch 
das bunte, etwas barocke Ameublement des Zimmers auf keine Weise 
gebrochen wird,  Alles dies lässt es gänzlich vergessen, dass hier erst 
von einem dritten Oelgemälde des Künstlers die Rede ist 1). Hr. Menzel 
hat sich, soviel wir wissen, ohne Schule gebildet; er berechtigt uns durch 
Leistungen, wie die in Rede stehende, zu den allererfreulichsteu Erwartungen 
für die Zukunft.  
Im Atelier des Genremalers, Hrn. E. Meyerheim, sahen wir kürzlich 
ein neues, fast ganz vollendetes Gemälde, welches sich den sauberen, an- 
muthigen und gemüthvollen Bildern dieses Künstlers, deren sich die Be- 
sucher unsrer Ausstellungen gern erinnern, aufs Vortheilhafteste anreiht. 
Es stellt Personen dar, die nach geendigtem Gottesdienste die Kirche ver- 
lassen; das Kostüm, besonders das der Frauen, welche einen weiten schwar- 
zen Mantel mit zierlich abstehendem kleinem Kragen tragen, erinnert an 
Thüringen; die Grösse der Figuren ist hier etwas bedeutender. als man es 
gewöhnlich in Meyerheims Bildern findet. Auf der rechten Seite des Bil- 
des blickt man die Ausseuwand einer gothischen Kirche entlang; das 
Terrain erscheint nach dem Hintergründe zu abschüssig, so dass man an- 
nehmen darf, die Kirche liege auf einem Berge, isolirt von der dazu gehö- 
rigen Ortschaft. Das Ganze ist hell von der mittäglichen Sonne beschienen. 
1) Das Bild hing neben dem eben besprochenen Gemälde von Biard; aber 
dle Gewalt des Colorits in letzterem vermochte jenem gleichwohl keinen Ab- 
bruch zu thun.
        

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