Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften über neuere Kunst und deren Angelegenheiten
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1499400
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1502397
Sculptur. 
Thorwaldsens 
Werke. 
271 
lieh verziert. Gleichwohl ist die Anwendung dieser Verzierung (welghe 
beträchtlich an die weiland beliebte Periode des "Frauentaschenbuches" 
erinnert) dem Charakter der Zeit nicht sonderlich entsprechend, indem 
wenigstens der Tisch in seiner Hauptform nicht sowohl ein mittelalter- 
liches als ein antikes Gepräge zeigt; auch passt dies bunte Wesen auf 
keine Weise zu der mehr klassischen Einfalt, die in der ganzen Darstel- 
lung vorherrscht.  
Unbefangene Leser werden dem Referenten über Vorstehendes keine 
Einseitigkeit vorwerfen. Er zählt sich den begeistertsten Verehrern Thor- 
waldsen's zu; er schätzt sich glücklich, zu einer Zeit geboren zu sein, in 
welcher Männer, wie dieser, die Kunst wiederum zu ihrer schönsten Würde 
zurückführen. Aber warum sollte es, weil Thorwaldsen ein hoher, herr- 
licher Meister ist, geläugnet werden, dass er bestimmte Kreise hat, in 
denen er sich vorzugsweise mit Glück bewegt. Sein Feld ist die Rich- 
tung der Kunst, Welßhe, im Sinne des klassischen Alterthums, vorzüglich 
auf die Bildung idealer Gestalten, auf eine Behandlungsweise, die ich als 
eine mehr symbolische bezeichnen möchte, ausgeht; und wenn er damit 
zugleich noch eine grösserc Tiefe des subjektiven Gemüthslebens verbin- 
det, so zeigt dies nur, dass Thorwaldsen kein sklavischer Nachahmer der 
Antike ist, dass er zugleich vollständig der Gegenwart angehört. Jene 
Kunstrichtung aber, welche im Gegensatz gegen die vorige etwa als die 
historische benannt werden könnte, in welcher es vorzugsweise auf Cha- 
rakteristik, lndividualisirung, Durchbildung eines durch allerlei Umstände 
bedingten Eiuzellebens ankommt, scheint seinem Genius ferner zu stehen, 
Hierin darf die norddeutsche Kunst sich rühmen, das Bedeutendste der 
neueren Zeit geleistet zu haben. 
Ich kann nicht schliessen, ohne noch ein andres Wort beigefügt zu 
haben. Ich habe mich jüngst über die Ausführung "deutscher Denk- 
mäler" ausgesprochen und, aus allgemeineren Gründen, die- Ansicht auf- 
gestellt, dass es sich für uns nicht gezieme, solche an andre Künstler als 
Deutsche zu übertragen. Thorwaldsen ist einer derjenigen, dem bereits 
mehrere solcher Aufträge zu Theil geworden sind, sofern man in dem, 
gewiss so wohl verdienten Ruhme des grossen Isländers den genügendsten 
Grund zu einer solchen Wahl zu finden glaubte. Sein Gutenberg-Monument 
aber lässt es erkennen, dass gerade Arbeiten solcher Art nicht in seinem 
eigenthümlichen Bereiche liegen; und zu dem früher ausgesprochenen Vor- 
wurfe gegen die Leitung von Unternehmungen, wie das in Rede stehende, 
tritt nun auch noch der hinzu: diejenigen Meister des Vaterlandes, von 
denen in der monumentalen Plastik bereits so namhaft Vollkommneres 
geleistet ist, übergangen und durch ein unpatriotisches Verfahren nicht 
einmal das Vorzüglichste, was zu erreichen war, hergestellt zu haben.
        

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