Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften über neuere Kunst und deren Angelegenheiten
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1499400
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1502388
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Bßrichte, 
Kritiken, 
Erörterungen 
cigenthümlieh selbständige Anschauung zu entwickeln sein dürfte. So ist 
zunächst zu berücksichtigen, dass Gutenberg einem alten Patriciergcschltechto 
angehörte, mit dem er in früher Jugend, vor der Macht der Neubürger 
weichend, auszuwandern genöthigt ward, und dass er auch in späterer 
Zeit als seines vornehmeren Ursprunges bewusst auftritt; (so z. B. in dem 
bekannten Processe mit Fust. wo er vor Gericht in eigncr Person zu er- 
scheinen verschmiihte, und wo der Adel seines Wesens, der gemeinen 
betrüglichen Habgier des Fust gegenüber, ein nur um so helleres Licht 
zu erhalten scheint; so namentlich in den letzten Jahren seines Lebens, 
welche er, dem gewerblichen Treiben abgethan, im Hofdienste des Kur- 
fürsten Adolph von Nassau zubrachte.) Sodann tritt in ihm, wie es über- 
haupt bei dem Erfinder einer so schwierigen Kunst nicht anders gedacht 
werden kann, ein lebhaft grübelndes Wesen hervor, welches wir schon 
früh, ehe er die grosse Erfindung zur Vollendung gebracht (namentlich 
während seines Aufenthalts in Strassburg), mit allerlei geheimen Künsten 
beschäftigt erblicken, und welches, in mannigfachen Versuchen sich ab- 
mühend, den Ruin seines Vermögens zur Folge hatte. Zugleich aber hat 
dies grübelnde Wesen eine gewisse einseitige Abgeschlossenheit, indem 
ihm wenigstens der künstlerische Sinn, welcher eine geschmackvollere, zier- 
lichere Ausbildung der Erfindung hätte herbeiführen können, entsthißden 
zu fehlen scheint. (Man vergleiche in dieser Beziehung die von ihm ge- 
fertigten Lettern mit den prachtvollen und höchst schönen, die das erste 
AuftretenPetei- Schöffefs bezeichnen.) Diese beiden charakteristischen 
Eigenthümlichkeiten, die Vornehmheit des Geschlechts und des Geistes, 
und der unruhige, geheimnissvolle, halb zum Phantastischen geneigte 
Drang des Gemüthes wären es also, die wir in der Gestalt Gutenbergs 
vor Allem erwarten, und die uns somit etwa eine ähnliche Erscheinung. 
wie die Albrecht Dürer's, vergegenwärtigen müssten. Von Beidem aber 
tritt uns in Thorwaldserfs Figur nur Weniges entgegen. 
Wenden wir uns nunmehr zu dem zweiten der vorliegenden Blätter, 
welches die beiden Reliefs des Piedestals darstellt und in diesen die beiden 
Hauptmomente der Ertinduhg zusammenfasst. Das eine zeigt die Zusam- 
mensetzung von Worten durch einzelne Lettern. An einem Tische, auf 
dem ein schräges Pult steht, sitzt Gutenberg (an seinem langen Barte er- 
kennbar) und weist einem Manne, der sich an der andern Seite des Tisches 
auf eine mit verkehrter Schrift bezeichnete Tafel lehnt  vermuthlich 
Fust  eine der Lettern. Das andre Relief stellt die Arbeit der Presse 
dar. Ein junger Arbeiter ist beschäftigt, die Presse zu drehen; vor der- 
selben lehnt Gutenberg und betrachtet einen gedruckten Bogen; andres 
Druckgeräth wird daneben sichtbar; oberwärts ist eine Anzahl von Druck- 
bogen auf einer Leine zum Trocknen aufgehängt.  In der Reliefdarstel- 
hing, in dem Symbolischen, welches ihre Behandlung erfordert, musste 
Thorwaldsens Genius unstreitig ein ungleich angemcssueres Feld finden, 
und so sehen wir hier denn auch- im Einzelnen sehr grosse Vorzüge; 
namentlich die Gestalt des Gutenberg auf dem zweiten Relief ist von einer 
Schönheit, Ruhe und edlen Harmonie, wie diese Eigenschaften nur den 
trefflichsteu Compositionen des Meisters eigen sind. Doch können wir 
auch hier nicht ganz umhin, Ungehöriges zu rügen, vornehmlich was die 
Beiwerke des ersten Reliefs betrifft. Hier hat der Bildhauer die mittel- 
alterliche Zeit specieller charakterisiren wollen und demgemäss die Sei- 
tentlächen des Tisches und des Pultes mit gothischem Rosettenwerk reich-
        

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