Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften über neuere Kunst und deren Angelegenheiten
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1499400
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1502352
Sculptur. 
'l'lnorwaldsens 
Werke. 
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verehrten Antlitzes sind wohlgetroilen, wenn wir auch bemerken müssen, 
dass sie, wie es uns scheint, etwas weniger scharf gespannt sein könnten. 
 Das zweite Blatt (N0. 1 der eröffneten Folge) stellt das Basrelief der 
Nemesis dar. Auf einem, mit zwei Pferden bespannten WVagen steht die 
geflügelte Göttin des Schicksales. Die Pferde sind, durch Inschriften auf 
dem Geschirr, als ngehorsam" und "ungehorsam" bezeichnet; ersteres, mit 
lose nachgelassenem Zügel, schreitet ruhig fort; das andre bäumt sich em- 
por und wird mit scharf angezogenem Zügel und geschwungener Geissel 
durch die Göttin gestraft. Das Rad des Schicksalswagens führt, auf den 
Wechsel des Lebens hindeutend, die Inschriften: Glück und Unglück, 
Reichthum und Armuth. (Sämmtliche Inschriften sind italienisch.) Hinter 
der Göttin schreiten zwei Genien, von denen der eine, ein Ftlllhorn und 
Kränze tragend, dem Guten seinen Lohn, der andre mit dem Schwerte dem 
Bösen seine Strafe bringt. Vor den Pferden geht ein Hund, als Sinnbild 
der warnenden Treue, voraus. lm Grunde des Reliefs ist der Thierkreis 
angedeutet, und oberwärts in demselben, über derGöttin, schwGbt ein 
Genius mit dem Zeichen der Waage, an die unwandelbare Gerechtigkeit 
des Geschickes erinnernd. Es sind Herdefs inhaltreiche Worte. welche 
zu dieser tiefsinnigen Composition Veranlassung gegeben haben. „Die 
hehre Göttin, welche die Welt regiert, belohnt, straft, den rechten Weg 
andeutet und das Rad des Schicksals dreht", ist es, die uns hier in einem 
lebenvoll durchgeführten Bilde gegenübersteht. Wie aber das Zusammen- 
fassen so mannigfacher symbolischer Bezüge, ebenso ist deren künstlerische 
Gestaltung im Einzelnen und im Ganzen von gediegcnster Wirkung. Durch 
jenes bäumende Pferd, welches zu dem ruhig kräftigen Gange des andern 
einen schönen Contrast bildet, wird der Wagen der Schicksalsgöttin vorn 
mit emporgehoben, so dass die Göttin selbst zu einer lebhafter-an Stellung, 
die sich indess wiederum durch das Anziehen der Zügel mässigt, genöthigt 
ist und in dieser Weise, obgleich durch den-Bug des Wagens zum Theil 
verdeckt, eine edle Gestalt in anmuthreichem Wechsel der Bewegung ent- 
wickelt. Sehr lieblich sind die beiden Genien, welche dem Wagen folgen, 
und auch in ihnen contrastirt der Ernst des strafenden anziehend mit der 
heiteren Bewegung des andern, welcher das Füllhorn trägt.  Die vier 
folgenden Blätter enthalten Medaillons mit den Darstellungen der vier 
Jahreszeiten. Ist unter diesen das erste, die Darstellung des Frühlings, 
weniger befriedigend (vornehmlich durch die etwas gespreizte Hauptfigur, 
ein junges Mädchen, welches Kränze windet), so bieten die drei andern 
wiederum grosse Schönheiten.  In dem Medaillen des Sommers sieht 
man eine liebliche Gruppe von Schnittern. Ein kräftiger junger Mann, in 
(ler Mitte des Reliefs, umfasst eine Schnitterin und hält ihr scherzend eine 
Frucht, zur Erquickung bei der Arbeit, hin; eine zweite Sohnitterin kniet 
zur Seite, im Begriff. die Aehren zu schneiden, und blickt in schöner leb- 
hßflßl" Bewegung zu den andern empor.  In der Darstellung des Herbstes 
Sieht man eine" Jääel", der mit der Jagdbeute zu seinem weinberankten 
Hause heimkehrt; vor dem Hause sitzt sein Weib, welches, den Säugling 
an der Brust, mit letzterem ebenfalls eine sehr anziehende Gruppe bildet. 
 Von vorzüglicher Schönheit aber ist das Medaillen des Winters: ein 
Greis, der am Kohlcnbecken sitzt, indem er seine ausgestreckten Hände 
erwärmt, und ihm gegenüber, an den Tisch gelehnt, eine alte Frau, die 
oinc Lampe anzuzünden im Begriff ist. Beide Gestalten, bei aller schlich- 
um Einfalt ihrer Bewegungen, sind auf eine eigen grossartigc Wgise, 1,6-
        

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