Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften über neuere Kunst und deren Angelegenheiten
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1499400
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1502061
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Berichte, 
Kritiken, 
Erörterungen. 
muthvoll amazonenartige Jungfrau. Auch die andern Gestalten des Blattes 
haben mannigfache Vorzüge,  durchweg bezeugen sie den schönsten 
Sinn für classischen Styl. 
l. Vicelin predigt den Wenden das Christenthum, um das 
Jahr 1137. Sehr günstige Aufgabe, in der allgemeinen Anlage zweck- 
mässig und glücklich aufgefasst. Auf der einen Seite, die geringere Hälfte 
des Blattes einnehmend, die Christenpriester, hinter denen ein Rechen 
christlicher Lanzen emporragt, auf der andern eine Schaar wendisehen 
Volkes, über denen, im Opferdampfe, ein ungestaltetes Götzenbild herein- 
blickt; vorn der wendische Fürst, ein Opferpriestcr und eine abenteuerliche 
Norne mit einem Runenstabe. Die Wenden, in der Weise, wie die Pre- 
digt verschiedenartig auf sie einwirkt, sie anzieht, staunen macht oder zu 
wildem Grimme bewegt, sind meist vorzüglich dargestellt, ihr Kostüm (nach 
den geringen Berichten, die wir über dasselbe besitzen), mit Geist und 
malerischem Sinne behandelt,  vielleicht nur ein wenig zu räuberhaft 
in Bezug auf die Elemente der Bewaffnung.  Die christlichen Priester 
dagegen sind minder ansprechend, theils durch die auffallend kurzen Ver- 
hältnisse der Figuren, theils durch eine nicht wohl zu vertheidigende Cha- 
rakteristik, welche die tadelnswürdigen Aeusserungen pfäffischer Institu- 
tionen, Ignoranz, Gier u. dergL, in einer Weise durchblicken lässt, die 
gerade hier und für den Zweck des Ganzen unschicklich erscheint. 
2. Markgraf Albrecht der Bär erstürmt die Feste Brenna- 
bor (Brandenburg) 1157. Ein Theil der Festungswälle, die Vürn mit 
Sturmleitern erstiegen werden und auf die zur Seite ein hölzerner Belage- 
rungsthurm einen Strom geharnischter Ritter ausgiesst. Kühne, höchst 
lebenvolle Motive im Einzelnen, aber das Ganze zu wild durcheinander, 
als dass dem Auge ein ansprechendes Bild erscheinen könnte. Selbst die 
beiden Heerführer treten dem Beschauer nicht bedeutend genug entgegen, 
obgleich der Grimm und das Entsetzen des wendischen Fürsten, des hohen 
Jacza von Köpenick, vortrefflich dargestellt ist. 
3. Friedrich Graf v. Hohenzollern wird Churfürst von 
Brandenburg d. 18. April 1417. Ueber das minder Günstige dieser 
Aufgabe ist bereits gesprochen. Die Anordnung ist im Uebrigen mit 
Ueberlegnng und künstlerischem Sinne durchgeführt; die scharf ausge- 
prägte Charakteristik der einzelnen Figuren, besonders der drei im nächsten 
Vorgrunde stehenden Churfürsten, benimmt der formellen Handlung das 
Trockene. 
4. Kurfürst Joachim II. tritt zum Lntherthum über, den 1. 
Novbr. 1539. Die Anordnung ebenfalls zweckmässig und mit Einsicht 
in das Ceremoniell einführend. Das Ganze in feierlicher Ruhe; der Aus- 
druck in den nächst betheiligten Personen wohlgelungen. Aber auch hier, 
obgleich die dargestellte Begebenheit den tiefsten geschichtlichen Interes- 
sen angehört, liegt in der Aufgabe wiederum ein grosser Theil äusserlicher 
Repräsentation (Ceremoniells), so dass die höhere Einwirkung der Darstel- 
lung auf den Beschauer beeinträchtigt bleibt. 
5. Friedrich Wilhelm, der grosse Kurfürst, empfängt die 
1) Die Wenden standen auf einer eigenthiimlich ausgebildeten Stufe der 
Onitnr und waren vornehmlich in der Fabrication der Waffen berühmt, so dass 
ihnen bereits König Heinrich I. die Einfuhr ihrer Waifen auf deutschen Märktßn. 
um die heimische [Industrie nicht beeinträchtigen zu lassen, verbieten musste.
        

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