Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften über neuere Kunst und deren Angelegenheiten
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1499400
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1501935
Ueber die gegenwärtigen 
Verhältnisse 
Zllm 
der Kunst 
Leben. 
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gemeinen (nicht bloss in der so eben angedeuteten Beziehung) für die Er- 
haltung der Vaterländischen Kunstalterthümer, d. h. der in 
früherer Zeit gegründeten Monumente der Kunst, Sorge tragen wolle; 
und es ist auch im Einzelnen bereits sehr Rühmliches der Art unternom- 
men worden. Ein solches Bestreben halte ich, so sehr es für den ersten 
Augenblick als ein nur untergeordneter Zweck erscheint, seiner Tendenz 
nach für wichtiger als alles bisher Berührte. Denn hierin ist ES beßtimmt 
ausgesprochen, dass man nicht bloss eine Einwirkung der Kunst auf die 
Einzelnen im Volke, sondern auch auf das Volk selbst als Gesammt- 
Individuum,  nicht bloss den Werth eines zufälligen künstlerischen 
Schmuckes, sondern auch die Fähigkeit der Kunst, in die besonderen Le- 
bensverhältnisse des Volkes einzudringen und dieselben zu verklären,  
nicht bloss Privat-Interessen, sondern den wahrhaft öffentlichen, monu- 
mentalen Charakter der Kunst anerkenne. In der Errichtung von Monu- 
menten, seien sie architektonischer Art, seien es Bildwerke oder Gemälde, 
besteht die grösste moralische Kraft der Kunst; sie sind Gedächtnissstätten, 
in welchen die Momente grosser gemeinsamer Begeisterung Form und 
Gestalt gewonnen haben; sie sind es, welche das Band dieser Begeiste- 
rung stets lebendig, in steter unwandelbarer Kraft erhalten. Die Monu- 
mente sind die grossen Buchstaben der Geschichte, mit denen dieselbe 
sich in die Herzen des Volkes, von Nachkommen zu Nachkommen, ein- 
prägt. Ein Volk ohne Monumente ist ein Volk ohne Geschichte, ohne 
Heimat. Ein Volk ohne Monumente hat wenig Bürgschaft für alle die- 
jenigen Tugenden, welche aus der Liebe zum Vaterlande entspriessew).  
Aber der Sinn des Menschen kann umdüstert werden, dass er diese Schrift 
nicht mehr zu lesen vermag. Die Interessen und Leidenschaften des Tages 
können seine Gedanken auf eine fremde Bahn hinlenken, dass er die Be- 
deutung dieser Buchstaben vergisst, dass er kalt und empfindungslos an 
ihnen vorübergeht und gleichgültig der Zerstörung zusieht, welche die 
rohe Gewalt der Elemente, die rohere eines gewinnsüchtigen Frevels über 
die Monumente hereinführt. Darum ist es so schön und gross, wenn man 
mit Absicht und Entschlossenheit ans Werk schreitet, um einer solchen 
Zerstörung, wo sie eingerissen, wiederum Einhalt zu thun, um jene Schrift, 
wo sie erloschen ist, wiederum lesbar zu machen, um das Volk durch ent- 
schiedene That wiederum zu überzeugen, welch ein unerscböptlicher Nah- 
rungsquell seiner edelsten, unbesiegbarsten Kräfte in dem Vorhandensein 
jener Monumente verborgen ist. Wo die grosse Scheidung zwischen Gegen- 
wart und Vergangenheit wiederum aufgehoben wird, da treten die Geister 
unsrer Vorfahren in einen Bund mit uns, dessen Stärke durch keine äus- 
sere Gewalt gebrochen werden kann. 
Was jedoch die Ausführung der Restaurationen vorhandener Monu- 
mente anbetrimr So glaube ich, dass man gerade hierin mit der äusser- 
sten Sorgfalt verfahren müsse, dass man sich mit grösster Bestimmtheit die 
neue Gefahr vergegenwärtige, welche so leicht durch missverstandenßn 
Eifer herbeigeführt werden kann. Wir haben es zur Genüge erlebt, wie 
1) Es versteht sich von selbst, dass obige Bemerkungen in ähnlicher Weise, 
wie für die Monumente der bildenden Kunst, so auch für die Monumente der 
Sprache, der Musik, der Sitte u. dergl. Gültigkeit haben; obgleich alle diese 
insgemein nicht von ebenso unmittelbar überzeugender Wirkung sein können. 
Kugler, Kleine Schriften. lli. 15
        

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