Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften über neuere Kunst und deren Angelegenheiten
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1499400
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1501854
Ueber 
die gegenwärtigen 
Verhältnisse 
der Kunst zum Loben. 
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der Kunst umfasst und solcher Gestalt die verschiedenartigsten Geistes- 
und Sinnesrichtrlngen im engsten Raume zusammendrängt. Der Beschauer 
wird hiebei zur Abstraction, zur absichtlichen Concentration seiner Gedanken 
auf den einzelnen Gegenstand genöthigt und ihm somit die Unmittelbar- 
keit des Genusses, die unmittelbare Einwirkung des Kunstwerkes auf sein 
Gefühl, wenn nicht aufgehoben, so doch wesentlich gestört. Und doch 
beruht gerade, wenigstens für denjenigen, der nicht durch förmliche Uebung 
an solche Abstraction in der Betrachtung gewöhnt ist, ein wesentlicher 
Theil jenes Eindruckes eben in einer selbständigen, durch mannigfache 
Rücksicht bedingten Aufstellung des einzelnen Kunstwerkes. 
Bei grossen Sammlungen, welche den verschiedenen Perioden der 
Kunst angehören, befolgt man neuerdings insgemein den Grundsatz, sie in 
einer geschichtlichen Folge zu ordnen; und man hat sie in solcher Weise 
nicht nur wissenschaftlich brauchbarer gemacht (ein wichtiger Punkt, da 
bei allen Sammlungen, als solchen, stets das wissenschaftliche Interesse 
vorwiegtlj, sondern überhaupt auch das Gefühl des Betrachtenden von 
demjenigen, was am allermeisten stört, von dem plötzlichen Ueberspringen 
auf das Fremdartigste, befreit. Immer aber bleibt der Wunsch zurück, 
das Einzelne ganz für sich alleingeniessen, es in seiner ganzen, ungetrüb- 
ten Wirkung in sich aufnehmen zu dürfen. Natürlich dürfte dies bei 
einer Sammlung, die nur irgend einen solchen Namen verdient, unausführ- 
bar sein; es würde auch bei Werken eines mehr untergeordneten Ranges, 
die wenigstens bei geschichtlichen Sammlungen immer zur Ausfüllung von 
Lücken nöthig sein werden, ziemlich unpassend erscheinen. Was aber 
dem Untergeordneten versagt sein muss, möchte für das Vorzüglichste sehr 
wohl angebracht und wohl ausführbar erscheinen. Wenn ich mir vorstelle, 
dass eine Sammlung der Art mehrere abgesonderte Räume enthalte, in 
deren jedem eins oder einige der Perlen der Sammlung an günstigstem 
Ort aufgestellt wären,  diese zusammengeordnet, je nachdem sie in sich 
den nächsten Zusammenhang in geschichtlicher Beziehung oder in Bezug 
auf die dargestellten Gegenstände haben,  in dem einen Gemach also 
Werke von Raphael oder verwandter Richtung, in dem andern etwa Meister- 
werke der venezianischen Schule, dann vorzügliche Werke der Italiener 
des funfzehnten, dann vielleicht des vierzehnten Jahrhunderts; dann ebenso 
die nordische Kunst: hier Werke von den Van Eycks und Hemling, dort 
von den alten Kölner Meistern, dort von Dürer und seinen Zeitgenossen; 
vorzügliche Portraits, Landschaften und Genrebilder vielleicht in längeren 
Corridors frei aufgehängt,  wenn ich mir dann eine einfache Dekoration 
dieser Räume denke, welche im Allgemeinen mit dem Zeitgeschmack der 
besonderen Darstellungen übereinstimmt, so bin ich gewiss, dass in solcher 
Weise der schönste Eindruck auf den Beschauer, somit auch die vorzüg- 
lichste Wirkung auf die Bildung des künstlerischen Geschmackes, hervor.- 
gebracht werden müsse. Man wird alsdann ungleich richtiger die Bedeut- 
samkeit der einzelnen Werke würdigen und ihre eigne Gültigkeit, sowie 
auch umgekehrt ihren Werth in historischer Beziehung, ungleich richtiger 
auffassen lernen. Unter jener Dekorirung der einzelnen gesonderten Räume 
soll hier nur die einfachste Andeutung des jedesmaligen Styles verstanden 
sein, keineswegs aber eine gänzliche Umgestaltung derselben nach den 
verschiedenen Stylen, wie es z. B. etwa vor zwanzig Jahren mit den 
beliebten sogenannten „Scheinkapellen," die zur Aufbewahrung altdem- 
scher Kunstwerke dienten, der Fall war. Die historische Anordnung der
        

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