Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften über neuere Kunst und deren Angelegenheiten
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1499400
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1501832
Uaber die gegenwärtigen 
der Kunst 
Verhältnisse 
zum 
Leben. 
215 
Gewandung, Composition, Behandlung der Farben u. s. w. (Dinge, bei 
denen eben die Lehre noch etwas sehr Wichtiges ist); Unterricht in der 
Anatomie, Perspektive und Optik, sowie ästhetische und kunsthistorische 
Vorträge; specieller Unterricht in den architektonischen Fächern, sowie in 
der Technik des Kupferstichs, Holzschnittes und dergl. m.,  Alles dies 
sind Gegenstände, welche, von der einen oder von der andern Seite be- 
trachtet, zur künstlerischen Ausbildung wesentlich nöthig sind, welche das 
Genie keinesweges gleich mit auf die Welt bringt, und welche schwerlich 
anderweitig in ähnlicher Vollständigkeit und mit ähnlich zureichenden 
Mitteln, wie in den Akademieen, dargeboten werden. Der einzelne Meister, 
der eine Anzahl junger Künstler als Hülfsarbeiter unter sich versammelt, 
wird ihnen selten mehr als eine nur oberflächliche Bildung in den Funda- 
menten der Kunst und dann freilich seine eigenthümliche Praktik und seine 
Auüassnngs- und Sinnesweise mittheilen können: die Geschichte ist nur 
zu reich an Beispielen der Art, in denen eine Kunstschule, die wesentlich 
nur durch die Theilnahme an den Arbeiten des Meisters gebildet ward, in 
der Regel wenig Andres, als nur eine verflachte Nachahmung von dessen 
Eigenthümlichkeiten darbietet. Hat dagegen ein Kreis von Lehrern, durch 
öffentliche Anstellung, Musse und Pflicht, in jedem einzelnen Fache eine 
gründliche Unterweisung zu geben, so müssen nothwendig die Erfolge un- 
gleich bedeutender sein. Ja, wir haben es, wenn wir die Productionen 
der neuesten Zeit betrachten, nur zu häufig zu beklagen, dass die strenge 
Befolgung des akademischen Unterrichts, wie es scheint, mehr und mehr 
vernachlässigt wird. Wir sehen viel Geistreiches, Gefühlvolles, höchst 
Anziehendes entstehen; aber hier fehlt es einer Gestalt an der genauen 
körperlichen Durchbildung (an dem anatomischen Verständniss), dort ist 
die Perspektive verfehlt, da ist die Lichtwirkung verworren u. dergl. m. 
Und mag dann ein solches Werk immerhin den Stempel inneren Lebens 
tragen, Mängel der Art werden dem vollkommenen, ergreifenden Eindrücke 
desselben auf den Sinn des Beschauers allezeit im Wege stehen, werden 
die beabsichtigten Erfolge überall mehr oder minder aufheben müssen. 
Bei alledem jedoch ist es eine bedenkliche Sache, ein Institut für das 
Aussergewöhnliche, für die Ausbildung des Genies, gegründet zu sehen. 
Immer wird hiebei jener alte Missverstand, durch Schulregeln ein Genie 
machen zu wollen, wieder hervortauchen. Hält man hingegen die hand- 
werkliche Seite der Kunst fest. giebt man es zu, dass schon dem blossen 
Talent eine eigenthümliche Sphäre, und in dieser ein ehrenvoller Wirkungs- 
kreis zukomme, dass es in einer solchen einen ausfüllenden Lebensberuf 
finden dürfe, so stellt sich, wie es scheint, ein wesentlich verändertes 
"Verhältniss der Sache heraus. So wird auch jener Vorwurf, dass man 
den Künstler, nach vorübergegangener sorgfältiger Pflege in eine unsichere, 
gßfahrvolle Existenz hinausstosse, ganz von selbst wegfallen und wiederum 
für die Kunst der sichere Boden gewonnen bleiben. Alles was Handwerk und 
Wissen an der Kunst ist, bedarf eben, wenn es zum glücklichsten Ziele 
hinausgeführt werden soll, Lehre und Unterweisung, und die ausführlichste 
Lehre wird hier eben auch die beste sein. Bei dem Handwerker sowohl, 
welcher seine Arbeiten mit künstlerischem Geschmack auszuführen bemüht 
ist, wie bei dem Künstler, welcher im Fache der dekorirenden Kunst sich 
dem Handwerker annähert, ist eine möglichst vollkommene Ausbildung 
auf keine Weise überflüssig. Wären die Akademieen von dem Grundsatz 
erfüllt (wie sie es mit Erfolg kaum anders seln könllßnll Wesentlich nur
        

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