Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften über neuere Kunst und deren Angelegenheiten
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1499400
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1501792
Ueber die gegenwärtigen Verhältnisse der Kunst zum Leben. 
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durch Talent, Scharfsinn, Praktik, ästhetische Principien u. dergl. ausge- 
rüstet war, sich den hohen Meistern der Vergangenheit ungescheut an- 
reihen zu dürfen; man hielt sich für vermögend, das Höchste, womit die 
Gunst des Geschickes den Staubgebornen zu glücklicher Stunde begnadigt, 
aus freien Stücken zu erringen, und man ward stolz darauf, dass man 
diese vermeintliche Kraft in der eignen Hand, in dem eignen Willen fühlte. 
Doch hat sich dieser Irrthum schwer gerächt. Denn wie die Künstler sich 
mehr und mehr von den praktischen Tendenzen des Lebens emancipirten, 
so emancipirte sich dieses auch von ihnen. Es trat eine unnatürliche 
Feindschaft zwischen Leben und Kunst ein; wie die Künstler sich mit 
Vorliebe in den Träumen einer idealen Welt wiegten und mit Verachtung 
auf den Staub des irdischen Daseins hinabsahen, so spottete die reale 
Welt ihrer funkelnden Luftschlösser und verweigerte ihnen die gebüh- 
rende Opferspende. Der Name eines Genies, oder was damit gleichbe- 
deutend war: eines Künstlers, gewann einen sehr zweifelhaften Klang, 
und die Söhne ehrsamer Bürger, in denen der künstlerische Drang mäch- 
tig wurde, hatten nicht gar selten mit den schlimmsten Widerwärtigkeiten 
zu kämpfen, wenn sie diesem Drange nachzugehen geneigt waren. Der 
Weg, welcher durch das Gebiet des Handwerkers in die Regionen der 
Kunst führte, war abgeschnitten; dem Handwerk selbst war die höhere 
Ehre genommen und man sah nicht mehr wohl die Möglichkeit vor sich, 
auch in diesem, falls die Befähigung zum eigentlichen Künstlerthum aus- 
bliebe, einer anmuth- und ehrenvollen Existenz theilhaftig zu werden. 
Schlimmer aber, als diese selbstverschuldeten äusseren Misshelligkeiten, 
war der innere Mangel, welcher durch die Trennung der Kunst vom 
Handwerk hervortrat. Die Kanäle, welche den künstlerischen Geist in die 
Adern des Handwerkes hinübergeführt hatten, waren hiedurch grossentheils 
abgeschnitten; für das Handwerk blieb nur der nüchterne Bodensatz ma- 
terieller Zweekmässigkeit und Tüchtigkeit übrig, und der Schmuck, mit 
dem es gleichwohl seine Erzeugnisse zu versehen trachtete, ward nun, 
ohne Beziehung auf eine tiefere, reinere Schönheit, willkürlich erfunden, 
ward ein leeres, unerfreuliches Spiel der Mode. Hiedureh aber erlitt der 
allgemeine Kunstsinn des Volkes einen empfindlichen Stoss; nicht mehr 
gewöhnt, auch in der unbedeutendsten Form die Gesetze einer lebenvollen 
Schönheit zu erblicken, ward er ebenso gegen die selbständigeren Werke 
der Kunst abgestumpft, und vermochte nur noch in seltnem Falle deren 
tiefere Bedeutung aufzufassen. 
Alles dies findet zwar auf die heutige Zeit seine Anwendung nicht 
mehr in dem Maasse, wie es noch vor etwa fnnfzig Jahren der Fall war. 
Man hat den Uebelstand dieser Spaltung erkannt und man ist bemüht, 
wiederum eine Aussöhnung zwischen Kunst und Handwerk hervorzubrin- 
gen- Man hat vornehmlich von Seiten des Handwerkes begonnen; man 
beälrebt Sich, dasselbe, so viel es möglich ist, wieder den Bahnen der 
Kunst nachmfülnen, und treffliche Erfolge sind hieraus , wenigstens in 
vielen einzelnen Beziehungen, bereits hervorgegangen. Grosse Meister der 
Kunst lassen es sich angelegten sein, das Handwerk, sofern es mit ihrer 
Thätigkeit in Berührung kommt, wieder zu sich heranzuziehen; Institute 
zur höheren Ausbildung des Handwerkes sind gegründet worden, und 
namentlich ist in diesem Betracht das K. Gewerbe-Institut zu Berlin, durch 
seine grossartige Einrichtung sowohl, wie durch seineglückliehen und 
ausgebreiteten Erfolge, ein rühmliches Beispiel der Naeheiferung geworden,
        

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