Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften über neuere Kunst und deren Angelegenheiten
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1499400
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1501762
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Ueber die gegenwärtigen 
Verhältnisse 
der 
Kunst 
zum 
Leben. 
Dies Verhältniss bestimmt die Breite des vorhandenen Kunstvermögens:  
die Ausbildung der monumentalen Kunst, in welcher es sich um den er- 
habensten lnhalt handelt, lässt dessen Tiefe erkennen. Diejenige Richtung 
der Kunst, welche es mehr nur mit der Ausschmückuirg des Lebens zu 
thun hat, steht zwischen beiden in der Mitte; sie nimmt Theil an beiden, 
aber ihr Vorhandensein gewährt noch keinen so charakteristischen Maass- 
stab wie jene. 
Wenden wir rins von diesen allgemeinen Beobachtungen nunmehr zu 
einem Ueberblick des gegenwärtigen Standes der Kunst-Interessen, so ist 
es zunächst in die Augen fallend, dass der Sinn für die letztangeführte 
Richtung, für künstlerische Auschmückung der Räume, in grossem Maasse 
verbreitet ist. Immer zwar noch nicht so, dass er als vorherrschend und 
durchgreifend zu betrachten wäre, dass nicht etwa prachtvolle Tapeten, 
kostbare Spiegelgläser und ähnlicher Luxus häufig den Werken der Kunst 
vorgezogen würden; doch ist es unbestreitbar, dass die neuste Zeit einen 
ausserorderltlichen Beichthum kleinerer, für den Privatbesitz geeigneter 
Werke, namentlich kleinerer Staffelei-Gemälde, hervorgebracht hat, und 
dass gleichwohl dieser Reichthum kaum zu dem lebhaften Begehren der 
Liebhaber im Verhältniss steht. Der Art ist viel Treftliches und Fördern- 
des ins Leben eingedrungen; Darstellungen des Lebens und der Natur, 
künstlerisch gestaltet und zu einem bestimmten Eindruck auf das Gemülh 
des Beschauers durchgebildet,  Situationen, in denen die Poesie des 
Lebens siegreich die Schranken der gemeinen Existenz durchbricht oder in 
denen das Kümmerliche der letztern durch komische Auffassung hlossge- 
stellt wird, sind in grosser Anzahl verbreitet werden. Die nachbildenden 
Künste haben es sich angelegen sein lassen. einer solchen Verbreitung im 
ausgedehntesten Maasse iu die Hände zu arbeiten, und namentlich ist in 
diesem Belange die Erfindung der Lithographie, in ihrer grösseren Popu- 
larität, als eine sehr wichtige Erscheinung hervorzuheben. Der Schmuck 
unsrer Wohnzimmer hat hiedurch eine, von dem Zustande, in dem sie 
sich vor etwa funfzig Jahren befanden, wesentlich verschiedene Beschaffen- 
heit erhalten. Um unter vielen nur eins der einfachsten Beispiele anzu- 
führen, so mussten sich die Jagdliebhaber zu jener Zeit, wenn sie nicht 
etwa in den Besitz Ridingerlscher Blätter zu gelangen vermochten, durch- 
weg mit ziemlich steifen, nüchternen, aifektirten und dabei immer kost- 
baren Kupferstichen behelfen, während bei ihnen jetzt die wohlfeilen Li- 
thographieen der heiteren. anmuthigen und lebenvollen Compositionen von 
C. Schultz und Andern im allerreichsten Maasse verbreitet sind. Und auf 
keine Weise kann es unter solchen Umständen fehlen, dass unmittelbar 
durch diese Freude an reincren Darstellungen der Kunst auch der eigent- 
lich künstlerische, vielleicht noch schlummernde Sinn geweckt und genährt 
werde und zu weiterer Entwickelung der allgemeinen Kunst-Interessen 
wenigstens Gelegenheit gebe. 
Aber. so ausgebreitet auch in diesem Augenblicke die Kunstliebhaberei 
ist, so sehr sie in jedem Jahre zunimmt und so wohlfeilc Mittel ihr auch 
zur nächsten Befriedigung dargeboten werden, so haben wir in alle dem 
allein noch keine sichere Gewähr, dass ein solcher Zustand dauerhaft sein 
und dass er sich auf eine höhere Stufe der Theilnahme emporschwingen 
werde. Es liegt in dieser Kunstliebhaberei, wie sie in unsern Tagen 
hervortritt, noch immer etwas Zufälliges und Willkürliches; es wird keine 
bestimmte, durchgreifende, bewusste Richtung von Seiten der Begehrenden,
        

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