Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften über neuere Kunst und deren Angelegenheiten
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1499400
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1501607
192 
Berichte, Kritiken, Erörterungen 
eines Fasses, unmittelbar nach einer lebenden Gruppe, Entwürfen Wlltdc- 
Es ist eine Gasse Roms, im Vorgrunde, wie es scheint, das Haus eines 
Winzers; auf einer Erhöhung der Treppe sitzt die junge Mutter mit dem 
Kinde und andre Glieder der Familie umher; auf der Gasse der Künstler 
in festlicher Hofkleidung, an dem Fasse zeichncnd, zu seiner Seite ein 
reiches Gefolge seiner Schüler, ältere und jüngere Männer, wie sie ihn bei 
öffentlichem Ausgange insgemein zu begleiten pflegten. Das zweite Ge- 
 mälde (370) „die Schmückung einer Braut" enthält eine Gruppe zierlicher 
Frauen und Mädchen, im Kostüme des Horentinischen Mittelalters. Beide 
Bilder sind Scenen eines reichen, heiteren Lebens, beide, und besonders 
das zweite, durch geschmackvolle, wohlüberlcgte Anordnung anziehend. 
Nur möchte man in beiden eine noch kräftigere, vollerc Sinnlichkeit wün- 
schen.  Von C. Ficlgraf sieht man zwei Sceneu aus dem Leben der 
heiligen Elisabeth dargestellt, unter denen besonders das grössere Gemälde 
(198), „die Vertreibung der Elisabeth, Landgrätin von Thüringen, durch 
Heinrich Raspo" (ihren Schwager), durch eine geistreiche dramatische Ent- 
wickelung des Vorganges anziehend wirkt; namentlich die Gestalten des 
tyrannischen Grafen, welcher die Fürstin mit ihren Kindern aus dem 
Schlosse weist, und die seiner Begleiter sind voll lebendigen Ausdruckes, 
während man bei den übrigen auch hier zum Theil die volle Kraft der 
Existenz und eine tiefere Beseelung vermisst. 
Das grosse historische Gemälde von Begas, "Kaiser Heinrich IV. im 
Burghofe zu Canossa", ist bereits (von einem andern Referenten) besprochen; 
hier mag beiläufig noch in Erinnerung gebracht werden, wie das Haupt- 
verdienst dieses Meisterwerkes in der stylistischeu Gcsammt-Auilassung 
bestehen dürfte, welche das zufällig scheinende historische Factnm in sei- 
ner innerlichen Nothwendigkeit her-ausstellt. Diese, der Tragödie vergleich- 
bare Behandlung geschichtlicher Gegenstände eröffnet, wie es scheint. der 
Kunst eine neue Bahn, und sie wird, sofern ein grossartigei- Sinn und ein 
gemeinsames Bedürfniss von Seiten des Volkes der Kunst entgegenkommen, 
zu bedeutenden Erfolgen zu führen im Stande sein. Von Begas' überaus 
reizvollem und tiefsinnigem Mährchenbilde der "Loreley", so wie von sei- 
nen „zwei Mädchen auf dem Berge", dem liebenswürdigsten Genrebilde, 
welches wir seit lange gesehen haben, ist schon früher, bei Gelegenheit 
kleinerer Ausstellungen, mannigfaeh die Rede gewesen, so dass es hier 
genügen möge. diese Gemälde als eine der schönsten Zierden unsrer grossen 
Ausstellung begrüsst zu haben.  Begasf Schule ist nicht zahlreich, doch 
in ihren wenigen Leistungen erfreulich. Das meisterhafte Gemäme von 
E. Holbein, "der sterbende Pilger". ist ebenfalls schon besprochen.  
Die Bilder von E. George: „der Prophet Elias übergiebt der Wittwe von 
Sarepta ihr vom Tode auferwecktes Kind" (232), und von J. Kleine: 
„ein maurisches Mädchen schickt eine Taube mit Botschaft an ihren gefan- 
genen Geliebten" (464), zeigen eine vortreffliche Schule; die Gestalten sind 
lebendig da, wohl gezeichnet und in jenem vollen warmen Colorit gemalt, 
welches von dem Meister ausgeht. 
Hensel hat ein grosses Rundbild der „Mir_jam" (336) geliefert, Knie- 
figuren in Lebensgrösse. Es ist der Triumphgesang, welchen Mirjam nach 
dem Durchzuge durch's rothe Meer anstimmt. Sie schlägt eine Itlandpauke 
und eröffnet in lebhafter Bewegung den Zug, eine andre Jungfrau mit der 
Harfe, eine dritte mit der Flöte folgt ihr; zwischendurch verschiedne Kna- 
benköpfe, weiter zurück die Schaaren des Volkes, auf einer Anhöhe Moses
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.