Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften über neuere Kunst und deren Angelegenheiten
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1499400
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1501509
182 
Berichte, Kritiken 
Erörterungen 
Liebreize der Jugend, aber auch in den Zügen eines mehr vorgerückten 
Alters noch an die Gebenedeite unter den Weibern erinncrnd,  nicht 
gebrochen unter der Last des unendlichen Schmerzes, vielmehr denselben 
zu tragen und zu begreifen fähig, aber ohne zugleich die Bitterkeit dessel- 
ben irgend zu verleugnen. Sie scheint zugleich auf jene hochalterthüm- 
liche Symbolik zu deuten, welche in ihr, bei der Darstellung dieses 
Momentes, das heilige Wesen der Kirche repräsentirt findet.  Das Ge- 
mälde hat, wie es die Vorzeit bei Altarbildern nicht ohne guten Grund 
forderte, ein Untersatzbild (Predella): zwei Kinderengel, eine Pergament- 
rolle entfaltend, auf welcher ein biblischer Spruch zur Bezeichnung des 
Gedankens, der dem Ganzen zu Grunde liegt, in schöner gothischer Schrift 
geschrieben ist. 
Zweierlei jedoch dürfte zu rügen sein. Zuerst in der Composition 
die Leere des ohern Raumes, die durch den breiten, schweren Stamm des 
Kreuzes und durch die nicht ganz glücklich gebildete gothische Füllung 
des Rahmens nicht eben aufgehoben wird. Sodann ein Mangel an Kraft 
in der Ausführung der Gestalten; sie treten dem äussern Sinne nicht mit 
derjenigen überzeugenden und unausweichlichen Gewalt entgegen, in wel- 
cher einmal das Werk der Kunst, die den geistigen Inhalt in sinnlicher Form 
ausspricht, wirken muss. Namentlich fehlt diese Kraft der Darstellung dem 
Leichnam des Erlösers. bei dem natürlich, wie beijeder Darstellung nack- 
ter Körper, das sinnliche Element zunächst vorwiegt. Doch macht der 
symbolische Charakter, in welchem das Ganze gehalten ist, diese Mängel 
minder hemerklich, während sie bei dem andern historischen Gemälde 
Schadow's, No. 781, ungleich mehr empfunden wurden. Denn in diesem, 
Christi Gang mit den Jüngern nach Emaus  ist das symbolische Element 
dem der besondern Handlung untergeordnet, zieht die geringere Dimen- 
sion des Ganzen die Augen des Beschauers näher an sich und geht man 
demnach von wesentlich verschiedenen Ansprüchen und Voraussetzungen 
aus.  Ausserdem sind von Schadow noch zwei Studienköpfe zu jenen 
beiden Engeln des grossen Altarblattes vorhanden (1567, 68), in denen sich 
bei ähnlich sanfter und zarter Ausführung zugleich das heiterste und 
anrnuthvollste Leben ausspricht; es sind zwei Köpfe von äusserst liebens- 
würdigem Charakter, mit dem Ausdruck schöner, kindlicher Unschuld, 
womit zugleich die Andeutung desselben reichen Costümes, welches jene 
Engel tragen, wohl übereinstimmt. 
Ein zweites, sehr vorzügliches Gemälde religiösen Inhalts, welches 
uns die Düsseldorfer Schule geliefert hat, ist die "Bestattung der heiligen 
Katharina durch Engel von H. Mücke" (624). Es ist ein äusserst rühren- 
(ler Zug der Legende, dem zufolge der Leichnam der Heiligen, nach den 
mannigfachen Martern, denen ihr irdisches Dasein erlegen ist. von Engel- 
händen der traurigen Stätte ihrer Leiden entführt und nach einem fernen 
Berge, dahin der Grimm der Widersacher nicht zu folgenwermag, zur 
Bestattung hinüber getragen wird. Verschiedene unter den älteren Mei- 
stern haben bereits das tief Poetische dieser Legende zur Darstellung 
benutzt; namentlich ist ein Freskobild von Bernardino Luini (in der 
Brera zu Mailand) anzuführen. Luini stellt die Gruppe der Engel dar, 
wie sie bereits über der Spitze des Berges schweben und den Leichnam 
in einen Sarcophag nicderzulassen im Begriff sind. Der Moment, welchen 
Mücke verführt, ist etwas verschieden und, wie es uns dünkt, noch glück- 
licher gewählt. Es ist ein stiller ruhiger Zug von vier anmuthvollgn
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.