Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften über neuere Kunst und deren Angelegenheiten
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1499400
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1501390
rhes 
Fragmentarim 
über 
Berliner Kunstausstellung vom 
1836. 
171 
Darstellung, eine Naturwahrheit, die, wie es scheint, hier den Gipfel ihrer- 
Vollendung erreicht hat. Alle Steife, das Eichenholz des Bettgestelles, die 
Federkissen, die gesteppte Decke, die gewebte Arbeit in den seidenen Ti-i- 
cots, die Stickerei in Gold und Seide, der Sammt und das Pelzwei-k an 
Mantel und Barett, die gemeine Bekleidung des Mörders,  Alles tritt in 
vollster Darstellung seiner Eigenthümlichkeit vor unsre Augen. Ebenso 
ist Alles, was zum äussern Arrangement in Kleidung und Geräth gehört, 
auf die verständigste Weise angeordnet und auch das geringfügigste Be- 
dürfniss nicht oberflächlich behandelt, so dass wir hier einen besondern 
geschichtlichen Moment mit vollster Entschiedenheit vorgeführt sehen. All 
diese Beiwerke sind nöthig, wo es sich um lebendige Darstellung handelt, 
doch sind sie nicht die Hauptsache; und dass der Künstler sie nur als 
Mittel zur Erreichung eines höheren Zweckes benutzt hat, sehen wir aus 
der leichten, sichern, geistreich andeutenden Technik, mit welcher sie aus- 
geführt sind. Mit ebenso grosser Meisterschaft ist das Nackte behandelt; 
auch hier ist es nicht dieser oder jener Farbenstotf, welchen wir vor uns 
sehen, sondern lebendige, beseelte, athmende Körper. Kurz: Leben, Da- 
sein. Möglichkeit und Sicherheit des Daseins,  die erste und nothwen- 
digste Bedingung eines jeden Kunstwerkes,  ist hier in vollstem Maasse 
erreicht.  
Aber gehen wir weiter und sehen zu, in welcher Weise die Handlung 
des Bildes ins Leben tritt. Die allgemeinen Züge sind bereits angedeutet. 
In holdseligcm Frieden ruhen die beiden Knaben nebeneinander; nie ist 
der Schlummer der Unschuld schöner gemalt worden. Wir glauben ihr 
leises Alhnren zu hören, ihre Brust in ruhigen Zügen sich heben und sen- 
ken zu sehen. Böthe der Gesundheit, durch die Wärme des engen Ge- 
maches, der Kissen, der nahen Berührung erhöht, steigt in ihre Wangen 
empor. Rührend ist es, zu sehen, wie sie vor dem Einschlafen sich um- 
armt und geküsst hatten und nun ihre Arme und Lippen leis von einander 
zurückgesunken sind; die schwierigste Aufgabe für bildliche Darstellung, 
und doch wie naturwahr, wie schön, wie vollkommen zugleich die eine 
Gestalt trotz der nahen Berührung der andern entwickelt! Hier sind in 
Wahrheit die Worte des Dichters verkörpert:  „das völligst süsse Werk, 
so die Natur seit Anbeginn der Schöpfung je gebildet." 
Und nun der Mörder,  ein Kopf, in welchem wir die geniale Mei- 
sterschaft des Künstlers vor Allem bewundern müssen. Hier finden wir 
nichts von jenen üblichen Charaktermaskexi eines Bösewichts, dessen Züge 
etwa schon eine Prädestination zu verruchtem Werke in sich tragen: es 
ist eben nur ein gewöhnliches, gemeines Gesicht, ohne sonderliche Bedeu- 
tung in seiner Form, schlicht herabhängendes tlachsgelbes Haar, kurzer 
röthlich blonder Bart. Es ist eine feile, gedankenlose Natur, für Geld zu 
jedem Unternehmen bereit. Aber mit furchtbarster Gewalt spricht sich 
die Bedeutung des Momentes darin aus. Gierig, als wollte es aus seiner 
Hohle heraustreten, heftet sich das Auge auf die beiden Opfer; "krampfhaft 
zuckt es in den Falten der Stirn; wuthschwellend ist die Unterlippe un- 
ter dem struppigen Sehnurrbarte vorgedrängt. Eine aufsteigende Blässe 
lässt es ahnen, dass auch hier noch eine Regung der Menschlichkeit zu 
bekämpfen ist; aber wir sehen nichtsdestoweniger die vollste Sicherheit 
des Entschlnsses; noch ein Moment, und wüthig, wie die Hände das 
Schwere ßettkissen zusammenpressen, so dass das Blut aus den Nägeh, der 
Finger zurücktritt, wird er über die wehrlosen Knaben herstürzen. Sein
        

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