Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften über neuere Kunst und deren Angelegenheiten
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1499400
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1501354
Ateliers. 
Berliner 
167 
Berliner 
Ateliers. 
(Museum 
1836 
Herr Professor Rauch hat das lebensgrosse Modell einer Danai- 
den-Statue vollendet, die er für den Kaiser von RUSSIMIÖ in Marmor 
ausführen wird. Es ist eine nackte weibliche Gestalt, den rechten Fuss, 
über den ein Gewand geworfen ist, auf einen Stein gestützt, mit den Hän- 
den den Krug haltend, welchen sie auszugiessen scheint. Der Oberleib ist 
nach vorn geneigt, das Gesicht hat den Ausdruck eines leise brütenden 
Schmerzes. Diese Stellung, der einfachen Handlung angemessen, hat dem 
Künstler Gelegenheit zur reizvollsten Entfaltung zarter Körperformen ge- 
geben; auf jedem Standpunkte bietet sich dem Beschauer ein eigenthürn- 
liches rund doch in sich vollkommen harmonisches Bild. Die ganze Ge- 
stalt. trägt den Charakter einer ausgebildeten Jugend; es ist  wie es die 
Darstellung der Danaide, dem Mythus gemäss, erfordert  die Grenze 
zwischen Jungfrau und Weib, die schönste Fülle und zugleich die edelste 
Reinheit, Zucht und jugendliche Kraft in den Formen der Glieder.  Wie 
aber gewöhnlich bei freistehenden Statuen, wenn sie auch für verschiedene 
Gesichtspunkte gearbeitet sind , der Bescliauer sich doch auf diesen oder 
jenen besondern Standpunkt gefesselt fühlt, so schien es dem Referenten 
auch hier der Fall. Unvcrgleichlich schön ist die Partie des Rückens, 
dessen zarte Wölbung, bei der vorgeneigten Stellung, immer wieder den 
Blick auf sich zurückzieht; auch für die Gcsammtanordnung der Gestalt 
dürfte die Ansicht halb von hinten, ohne der Trefflichkeit des Uebri- 
gen sonst zu nahe zu treten, diejenige sein, irvelche die vollkommenste Be- 
friedigung gewährt. Doch mag dies ein individuelles Gefühl sein; Andre 
werden vielleicht wieder durch einen andern Standpunkt mehr angezogen 
werden. 
Wir freuen uns, dass hier dem Künstler, dessen zahlreichste Leistun- 
gen in historischen Monumenten bestehen, die seltne Gelegenheit zur Lösung 
einer vollkommen freien, idealen Aufgabe geboten ist, die das anziehendste 
Zeugniss seiner Meisterschaft geben und die, in dem weicheren, lebenvol- 
leren Stoffe des Marrnors ausgeführt, natürlich noch in hohem Grade an 
Schönheit gewinnen wird.  
Statuen, wie die in Rede stehende, haben den Poeten alter und neuer 
Zeit mannigfach Stoff zu längeren oder kürzeren Versen dargeboten. Auch 
auf Rauchs Danaide dürften allerlei Epigralnme zu dichten sein,  etwa 
der Art: 
Traurig blickest du her, der endlos währenden Arbeit 
Suchest du bang ein Ziel:  nimmer doch gehe zur Rast, 
Seile den Fuss nicht ab vom Stein und erhebe den Krug nicht" 
De?" gleich lieblich wie jetzt wärest du nimmer zu schaun. 
ü! äk i: 
Ewig dauert die Strafe, doch dass du ewig sie traßest, 
Gaben die Götter dir auch ewige Jugend und Kraft; 
Bis sich iiiliet das Fass, das argdurchlöcherte, wirst du:  
Denn dich rührte der Gott,  blühen in ewigem Reiz. 
i: 1A 41
        

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