Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften über neuere Kunst und deren Angelegenheiten
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1499400
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1501256
J eremias 
auf den 
Trümmern von 
Jerusalem. 
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lebenden, selbst wenn jene ausgesprochene Ansicht begründet wäre, Gerech- 
tigkeit widerfahren lassen. 
Doch es ist nöthig, dass wir diese Vorbemerkungen fallen lassen und 
uns zu dem ausgestellten Werke selbst wenden. Es ist ein grosses, läng- 
liches Gemälde, die Figuren über Lebensgrösse. Der Vordergrund ist, wenn 
wir die Lokalität recht verstanden haben, die Anhöhe des Berges Moriah, 
auf dem die Trümmer des gestürzten Tempels liegen. Zur Rechten, jenseit 
des Thales, sieht man die zerstörten, verbrannten, rauchenden Ruinen der 
Stadt, die sich malerisch übereinander empor-heben; zur Linken, in weite- 
rer Ferne, neben einzelnen noch stehenden Theilen der Vorbauten des Tem- 
pels hin, erblickt man die Burg Davids auf Zion mit einigen mächtigen 
Mauerthürmen. Auf dem Vorgrunde, vielleicht dem Vorhofe des Tempels, 
haben sich Einige des unglücklichen Volkes, die dem Schwerte des Fein- 
des und der Hungersnoth entronnen sind, versammelt. In der Mitte, auf 
den Trümmern des heiligen Gebäudes, sitzt der Prophet, dessen Busspre- 
digten und Warnungen sein Volk verachtete, der dasselbe aber in seinem 
endlich angebrochenen Elend nicht zu verlassen vermag; in schmerzlichen 
Gedanken stützt er sein Haupt in die Hand. Zur Rechten neben ihm sitzt 
ein junger Krieger, dem das Blut aus tiefer Brustwunde herabtliesst, im 
Augenblicke des Verscheidens; ein Knabe, vielleicht der jüngere Bruder, 
der vor ihm kniet, richtet ihm bange das Haupt empor. Weiter zur Rech- 
ten, etwas tiefer im Bilde, tragen ein Mädchen und ein Knabe den Leich- 
nam eines Greises, ihres Vaters, mit ängstlicher Vorsicht von der Anhöhe 
hinab. Diese Seite stellt die Sorge und das Leid der Jüngeren um die 
Aelteren dar, die linke Seite enthält das Gegentheil. Hier sitzt "zunächst 
neben dem Propheten eine bejahrte Frau, das Haupt umhüllt, und neben 
ihr ein junges Mädchen, das sich in ähnlicher Geberde an sie anlehnt, 
beide im tiefsten Schmerze um ein Kind, das, ausgestreckt, bleich und 
todt zu ihren Füssen liegt. Dann, der äussersten Gruppe zur Rechten ent- 
sprechend, sieht man ein junges Weib, welches in Hast und Verzweiflung, 
den schlafenden, nahrungsbedürftigen Knaben in den Armen, zu den Uebri- 
gen emporeilt. Vortrefflich ist demnach die räumliche Oekonomie des 
Ganzen eingerichtet. Als bedeutender Mittelpunkt, hoch sitzend, in gr0ss- 
artiger Entfaltung einer mächtigen Gestalt, der Prophet; zu seinen beiden 
Seiten zwei nahe zusammengerückte Gruppen, die mit der mittleren Ge- 
stalt ein geschlossenes, harmonisches Ganze bilden; dann die beiden äus- 
seren Gruppen, welche den Zusammenhang und die Beziehung desselben 
zu dem allgemeinen Unheil, das die Stadt betrotien, nach beiden Seiten 
fortführen. In verschiedener Weise sind die innigsten Bande der Familie, 
welche den Menschen an den Menschen knüpfen, dargestellt, aber alle 
entweder schon zerrissen durch das furchtbare Verhängniss oder dem Mo- 
mente ihrer Auflösung nahe. Eine jede Gruppe ist nur mit ihrem eignen 
(Irame beschäftigt, aber instinktartig fühlen sie sich wiederum zu einander 
geführt; ohne Bewusstsein ihrer Handlung drängen sie sich um die eine 
Gestalt zusammen, die allein nicht das eigne Leid, sondern das noch viel 
gewaltigere des Volkes und Vatcrlandes fühlt, die es vermag, über das 
allgemeine Unglück nachzusinnen, es in Worte zu fassen, und durch das 
Wort der Klage zu den Worten des Gebetes sich hindurchzuringen. S0 
bildet sich auch, ebenso wie die einzelnen Gruppen räumlich zu einem 
Ganzen geordnet sind, im inneren Gedanken des Bildes, trotz der Isolirung
        

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