Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften über neuere Kunst und deren Angelegenheiten
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1499400
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1501244
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Kritiken, Erörterungen. 
Berichte, 
Volkes aus seiner heutigen Erscheinung herauszufühlen, so beruht dennoch 
eben darin die Bedeutsamkeit der biblischen Geschichten, dass sie uns 
persönlich berühren, dass wir in ihnen unsre eigne erste Bildung erhalten 
haben, in ihnen gross gezogen sind und dass sie für unser Gefühl gewisser- 
maassen einen Theil unsrer eignen Geschichte ausmachen. Wir können, 
unsrer durch die Wissenschaft gewonnenen Emancipation zum Trotz, diese 
Weehselbezüge der biblischen Erzählungen und Aussprüche auf unser Leben 
nicht von uns weisen; wir fühlen uns genöthigt, in ihnen ein Spiegelbild 
unsrer eignen Gemüthszustände, somit auch der durch letztere bedingten 
äusseren Gestaltung, wiederzugeben. Freilich sind wir jener kindlichen 
Zeit des Mittelalters ßntwachsen, da die Gegenwart mit all ihren äusseren 
Zufälligkeiten, mit ihrem gesammten Kostüm, ihren einzelnen Sitten und 
Gebräuchen, in diese Vergangenheit übertragen wurde; wir verlangen die 
letztere in einer gewissen idealeren Weise, mit einem gewissen Schimmer 
jener orientalischen Heimat zu sehen,  aber eben auch nicht mehr als 
dies; die bekannten und verwandten Zügc wollen wir nicht missen, wenn 
nicht jenes nähere Verhältniss aufgelöst und uns statt eines Vorganges, der 
uns in unsrer Eigenthümlichkeit erfasst, ein zufälliges Factum, wie die 
Geschichte deren zu hunderten und tausenden darbietet, vorgeführt wer- 
den soll. 
Man sagt ferner, dies letzte Bild Bendemanns sei eben nichts als eine 
etwas erweiterte Wiederholung seines ersten Meisterwerkes, der gefangenen 
Juden; der junge Künstler zeige sich demnach in einseitiger Richtung, er 
könne nur Gestalten, die im tiefen Schmerze gebückt dasitzen, malen. 
Hierauf ist fürs Erste zu entgegnen, dass es ein wenig voreilig sein möchte, 
aus zwei einzelnen Bildern auf eine weitere künstlerische Laufbahn zu 
schliessen, und dass Herr Bendemann zu bedeutend aufgetreten ist, um 
genöthigt zu sein, das Publikum durch eine Musterkarte des Mannigfaltigen 
zu bestechen. Uebrigens hat er bereits durch sein grosscs Gemälde der 
beiden Mädchen am Brunnen, welches zwischen die beiden in Rede stehen- 
den fällt, so wie durch verschiedene öffentlich ausgestellte Skizzen nach- 
gewiesen, dass sein Pinsel keinesweges allein sich an den Gegenständen 
der Trauer und Vernichtung erfreut. Wäre letzteres indess wirklich der 
Fall, so dürfte auch dies in der That nicht als ein Vorwurf gelten können. 
Habt ihr euch so schnell an den gefangenen Juden satt gesehen, dass ihr 
nicht noch ein und ein andres Bild von ähnlicher tragischer Grösse bewun- 
dern, nicht aufs Neue durch so mächtige Gefühle bewegt werden könntet? 
Ist unsre Zeit nicht reich genug an künstlerischen Darstellungen aus den 
verschiedensten Sphären, dass ihr auch noch von- Seiten des einzelnen 
Künstlers einen steten Wechsel verlangt?  Die Geschichte der Kunst be- 
zeugt es zur Genüge, dass es zu allen Zeiten Künstler gab, welche mehr 
durch ein vorwaltendes subjektives Gefühl in der Wahl und Behandlung 
ihrer Darstellungen geleitet wurden, während andre mehr in objektiver 
Weise den Gegenstand und die Erscheinungen des Lebens auffassten; kei- 
nem Beschaner ist es aber bisher eingefallen, dieser oder jener Richtung 
darum eine Einseitigkeit vorzuwerfen. Wer nur eine von Michelangelds 
mächtigen Gestalten, eine von Andrea de] Sarto's Madonnen, einen von 
Teniers Bauern gesehen hat, kennt fast die ganze Art und Weise dieser 
Meister; doch sieht man mit Freude auch noch ein zweites und drittes und 
viertes Bild von ihnen. Wo wir den Meistern der Vorzeit, deren Ruhm 
fest steht, keinen Vorwurf zu machen haben, da wollen wir auch den Mit-
        

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