Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften über neuere Kunst und deren Angelegenheiten
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1499400
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1499800
Berichte, 
Kritiken, 
Erörterungen. 
ich das Bild betrachtete, war es mir stets, als hörte ich die rührende Me- 
lodie, welche Luise Reinhardt zu jenem Liede gesetzt hat. 
4. Siegfried nimmt Abschied von Genovefa. Beide sind allein in 
einem Gemach, an dessen Wänden Waffen und Jagdgeräth hängen; durch 
die geöffnete Thür blickt man auf den Burghof, wo Siegfrieds Mannen mit 
dem Kreuzbanner auf unruhig schnaubenden Pferden harren. Siegfried, in 
voller Kriegsrüstung, ist ein frommer, ritterlieher Herr, Genovefa eine wun- 
derbar aufgeschlossene Rose; aber sie hängt matt und welk in seinen Ar- 
men, der Schmerz der Trennung droht sie aufzulösen. Wir sehen es diesen 
seitwärts gesenkten Blißken an, dass sie, fast wie ein letztes Mittel, um ihn 
aufzuhalten, die leisen Worte seufzt; 
Bist Du so rauh, Gemahl, so wenig freundlich 
Dem schwachen kranken Weihe?  Nun, so höre, 
Ich will die Zunge zwingen, es zu sagen, 
Ich fühle mich seit wenig Wochen Mutter. 
Und wieder ist es nicht bloss der gegenwärtige Schmerz, der ihre 
Seele umfangen hält; auch hier ist es die Ahnung zukünftiger sehwererer 
Leiden. 
5. Genovefa, von Gertrud auf den Altan geführt, hört Golo's Liebes- 
klage. Das einzig unangenehme Blatt unter allen. Der Grund liegt zu- 
nächst an einer Dissonanz in der Perspektive. Der Künstler hat für das 
Ganze einen hohen Augenpunkt genommen, um die Gestalten der beiden 
Frauen vorn auf dem Altan, auf welchen man niedersieht, mit der Gestalt 
des seitwärts unter demselben stehenden Gol0 ungefähr auf gleiche Fläche 
zu bringen. Wenn es aber schon bei der Genovefa stört, dass sie von 
einem andern Standpunkte aus gezeichnet ist als der Altan, so fällt der 
dritte, noch niedrigere Augenpunkt für die Figur des Golo noch unange- 
nehmer auf; er scheint wie in verjüngtem Maassstabe vor den Frauen in 
der Luft zu schweben. Dazu kommt, dass Golo im Ganzen wqig Ausdruck 
hat und dass der Genovefa statt des milden Ernstes ein Anstrich von 
Prüderie gegeben ist. Vortrefflich dagegen ist Gesicht und Gcberde der 
alten Lauscherin. An sinnigen Einzelheiten fehlt es auch diesem Blatte 
nicht. S0 steht vorn auf dem Geländer des Altans ein Topf mit einer Li- 
lienblume, um welche sich von unten herauf ein üppiger Weinstock rankt; 
neben dem Golo blühen Tulpen und Mohn, und um sein Ielaupt schwirrt 
eine Fledermaus. Irn Garten, hinter Golo, plätschert ein Springbrunnen; 
der Garten wird von den Gebäuden der Burg begrenzt, über denen die 
Scheibe des Mondes steht. 
6. G010 bringt Genovefa in den Verdacht der Untreue und lässt sie 
mit Drago verhaften. Das Zimmer der Genovefa. Hinten, zwischen zwei 
Fenstern, aus deren einem man in die Sternen-Nacht hinaus sieht, in einer 
Nische das Bild der heiligen Jungfrau, zu dessen beiden Seiten Vasen mit 
Blumen. Vor der Nische ein Gebetpult, auf welchem Notenbücher und 
eine zi rliche Laute liegen. Vorn, an dem runden Tisch, auf dem ein 
grosserlleuchter steht, wraren Genovefa und Drago so eben Willens, sich 
mit dem Lesen heiliger Legenden zu erbauen; sie werden durch die Ein- 
dringenden gestört. Drago, ein frommes, ehrliches, nicht mehr jugend- 
liches Gesicht, schlicht niedergekämmtes Haar, hat sich zum Vorlesen 
gesammelt; die Hände liegen noch gefaltet vor dem grossen Lcgelldßllblltlh? 
er sitzt und blickt gelassen nach der Thür, ohne alle Ahnung dessen, was
        

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