Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften über neuere Kunst und deren Angelegenheiten
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1499400
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1501230
auf dnn 
J aremias 
Trümmer: 
von Jerusalem. 
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Romanen und Journal-Aufsätzen einen Schluss auf das gesammte Produc- 
tionsvermögen zu machen sich für berechtigt hält. Man hat vergessen, 
dass zum Abschluss dieser Rechnung nicht bloss die Literatur, sondern 
auch die Kunst in Frage zu stellen ist, und dass gelegentlich die eine 
mit der andern das Scepter tauscht. Und so lässt uns in der That schon 
eine äussere Ansicht der Dinge erkennen, dass gegenwärtig die Masse der 
Production auf Seiten derKunst zu suchen ist, dass hielier sich das ausge- 
dehnteste Interesse des Publikums gelenkt hat. Und fassen wir den inne- 
ren Geist und das Vermögen der Darstellung in den jüngsten Werken 
unsrer Kunst ins Auge, so finden wir hier, was wir in der Literatur ver- 
missen, sehen wir hier die Aufgaben  seien sie ernst und tiefsinnig, oder 
heiter und spielend  mit reinem, unschuldigem Sinne aufgenommen, mit 
Liebe und Wahrheit durehgebildet, mit Kraft und Ausdauer zum ergrei- 
fenden Leben vollendet.  
S0 in dem jüngsten Gemälde Bendemanrfs, welches einige Wochen 
hindurch im Lokale der hiesigen Kunstakademie dem Besuche des Berliner 
Publikums freigestellt war. Es stellt den Untergang eines einst herrlichen 
und blühenden Volkes dar, das tiefste Elend, den bittersten Schmerz, allen 
Jammer und alle Verzweiflung, welche je die Brust des Menschen durch- 
zogen; es ist Alles darin enthalten, was unser Herz verwunden und zum 
innigsten Mitgefühle hinreissen kann,  und doch ist über das Ganze und 
über die einzelnen Gestalten jener unergründliche Hauch der Schönheit, 
jene Reinheit und Seelengrösse ausgegossen, die auch das Anschauen des 
Schmerzes und des Leidens zum edelsten Genusse umgestalten. Das furcht- 
bare Elend, welches sich hier unsern Blicken entfaltet, wird nirgend gräss- 
lich, nirgend beklemmende Pein; die Erinnerung an dasselbe vermag es 
nicht, die Träume unsrer Nächte zu vergiften, sie giebt im Gegentheil 
unserm Gemüth Ruhe, unsern Gedanken und Empfindungen Klarheit und 
Würde. 
Es sind ein Paar Bemerkungen über dies Bild (zum Theil auch in 
geschätzten Zeitschriften) laut geworden, die wir vor einer näheren Betrach- 
tung desselben besprechen zu müssen glauben. Einige Kritiker wundern 
sich, dass der Maler keine Juden, einer besonderen Nationalität gemäss, 
sondern überhaupt nur schöne und edle Menschen dargestellt habe. lch 
weiss nicht, was ich aus dieser Ansicht machen soll. Was für Juden ver- 
langt ihr? etwa jene knechtischen, gemeinen Physiognomieen, wie sie die 
Mehrzahl dieses unglücklichen Volkes durch die barbarische, jahrtauseud- 
lange Unterdrückung, mit der eure Väter dasselbe behandelt, angenommen 
hat? Oder wollt ihr irgend eine jener heutigen orientalischen Racen dar- 
gestellt sehen, wie uns z. B. Horace Vernet jüngst in seiner Rebecea am 
Brunnen, statt einer Scene des frommen Patriarchenlebens, ein modern 
ägyptischer; Genrebild vorgeführt hat? Alles dies möchte für das auser- 
wählte Volk Gottes, welchem er den Büchern der Schrift zufolge Seine 
höchsten Gnaden zugewendet hatte und welches in einer idealeren Bildung 
den Stempel dieses göttlichen Verkehres tragen muss, wenig passend sein. 
Die künstlerische Anschauung hat hier von jeher das Richtige getroiien: 
es gehört nur ein geringer Grad von Gefühl dazu, um das uralte und 
immer erneute Ideal des Christuskopfes, um RaphaePs und Leonardos 
Mndonnen für wahrer und angemessener zu halten, als ein Gesieht mit 
krummer Nase, vorstehenden Augen und hängender Unterlippe, Gcmngu 
es auch einem Künstler, die einstige Nationalphysioguomic des jüdischen
        

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