Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften über neuere Kunst und deren Angelegenheiten
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1499400
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1501182
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Berichte, 
Kritiken, 
Erörterungen 
Schnitt der Kleidung. bis auf den Zug und die Biegung der einzelnen 
Falte erstreckt, an ihrem Orte; das Schönheitsgefühl wird hier nur mehr 
für die Gesammt-Auffassting, soweit es für Werke der Kunst überhaupt 
unerlässlich ist, in Anspruch genommen. 
Rauch war einer der ersten, welche für Arbeiten dieser Art ein Bei- 
spiel gaben. Seine kleine Statue Goethe's, die den Dichter in einfacher 
I-lauskleidung, die Hände auf dem Rücken (wie es bekanntlich Goethe's 
Gewohnheit war), darstellt und mit zierlichem, auf die kleineren Dimen- 
sionen berechnetem Fussgestelle geschmückt ist, hat den ungetheiltesten 
Beifall und Verbreitung in den weitesten Kreisen gefunden. Es sind, vor- 
nehmlich, wie 88 Scheint, durch Anregung dieser kleinen Arbeit, mannig- 
fach ähnliche Werke entstanden, nicht bloss am hiesigen Orte, sondern 
auch ausserhalb, wie der Referent z. B. in München mehrere kleine Por- 
traitstatuen dort lebender Künstler gesehen hat. 
Ein vorzügliches Talent für Darstellungen dieser Art zeigt sich beson- 
ders in den hieher bezüglichen Arbeiten Drake's. Mehrere derselben 
sind von den letzten öffentlichen Ausstellungen Berlin's bereits bekannt 
und in diesen Blättern ausführlicher besprochen worden. Hufeland, Rauch, 
Schinkel, W. v. Humboldt sind von ihm in vollster Lebenswahrheit und 
in ansprechender Auffassung des Momentes, der erste im Lehnsessel und 
auf reichem Piedestale sitzend, die andern einfach stehend, dargestellt. 
Das Kostüm des gewöhnlichen Lebens ist hier mit feinem Geschmack be- 
handelt und vornehmlich der verachtete Schlafrock durch geringe Modifi- 
cation zur Herstellung schöner, edler Linien und Massen benutzt worden. 
Gegenwärtig hat Drake wiederum einige sehr gelungene kleine Por- 
traitstatuen vollendet. Die erste derselben stellt Alexander von Hum- 
boldt dar und bildet ein erfreuliches Seitenstück zu der Figur seines 
verewigten Bruders. Der gefeierte Gelehrte steht einfach, im Leibrock und 
offenen Oberrock, dem Beschauer gegenüber. Er hat ein aufgeschlagenes 
Buch in den Händen, und blättert darin, indem er lebhaft zu sprechen 
scheint. Das Werk ist mit vorzüglicher Liebe gearbeitet, und wie sich 
die sorglichste Ausführung bis in das geringste Detail erstreckt, so ist 
vornehmlich der Kopf voll Leben und durchgeführter Portraitwahrheit. 
Die Feinheit und Vollendung in Allem," was zur Charakteristik der Person 
gehört, macht diese Figur zu einem vollkommenen kleinen Meisterwerke. 
Die zweite ist ein kleines Standbild Schillers Da hier nicht nach 
dem Leben zu arbeiten war, so tritt natürlich jene Charakteristik in den 
Nebendingen in Etwas zurück und es zeigt sich statt deren mehr die 
selbstschöpferische Thätigkeit des Künstlers. Wir sehen hier den Dichter 
vor uns,  den Moment, da er gerade als solcher, nicht in anderweitiger 
Aeusserung des Lebens, erscheint. Wir sehen: er ist sinnend, tiefer Ge- 
danken voll, das Zimmer mit starken Schritten auf- und niedergegangen; 
plötzlich hat er das Wort für den Gedanken gefunden, er hält ein im 
Schritte und erhebt die Rechte mit dem Stifte, um es auf das Papier, 
das er in der Linken trägt, niederzuschreiben. Er ist im offenen langen 
Rocke dargestellt, der in grossen einfachen Linien niederfällt und darunter 
ein einfaches Unterkleid sichtbar wird. Der Kopf ist nach der Todten- 
maske modellirt; er ist vor-geneigt, noch arbeitet der Gedanke in dieser 
majestätischen Stirn; das Haar wallt frei zurück. 
Unter andern Arbeiten Drake's nennen wir noch eine dritte kleine 
Statue, welche den Kaiser von Russland darstellt und sich nicht minder
        

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