Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften über neuere Kunst und deren Angelegenheiten
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1499400
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1501107
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Berichte, 
Kritiken, 
Erörterungen. 
unverwandt, ohne der Gefahr inne zu werden. zu dem zauberhaften Bilde 
empor. Der alte Schiffer am Steuer stemmt unwillkürlich, bei der verän- 
derten Bewegung, seinen linken Arm auf den Rand des Nachens, trotzig 
heftet er seinen Blick auf das Weib; es scheint, als 0b er zürne, dass sie 
ihm, der die Fahrt so oft stromauf und abwärts ohne Hinderniss voll- 
bracht, an verrufener Stelle zu erscheinen wage; aber er kann den Blick 
nicht von ihr abwenden. Der ritterliche Jüngling. den er vielleicht zu 
Fest und Freude führen sollte, steht aufrecht, den Arm nach der zaubri- 
scheu Erscheinung emporgestreckt. Noch ein Moment, und die Wellen 
des Rheines werden ruhig über dem versunkenen Nachen dahinrauschen. 
Dann wird die Jungfrau sich von ihrem Felsensitze erheben, sich vor der 
Kühle des Abends in den schimmernden Mantel hüllen und in ihrem cin- 
samen Wasserschlosse verschwinden. 
Es ist eine der interessantesten und dankbarsten Aufgaben, welche 
sich Begas in dieser Darstellung gewählt hat, zugleich aber vielleicht eine 
der schwierigsten, die man finden kann. Um so grösseren Ruhm bringt 
es dem Künstler, der alle Schwierigkeiten glücklich überwunden und das 
Bild im Ganzen, wie in seinen Theilen, mit gediegener Meisterschaft voll- 
endet hat. Schon das Aeussere der Composition,  die Hauptfigur auf 
dem Felsen, die Nebenfiguren auf der Tiefe des Stromes,  bot mannig- 
fache Schwierigkeit dar; aber sie ist durch eine eigen perspektivische An- 
ordnung, durch die Wirkungen des Lichtes, der Luft und durch die Linien 
der Landschaft trefflich zu "einem Ganzen verbunden. Ungleich schwie- 
riger noch war es, dem inneren Leben, der geheimen, verborgenen Lei- 
denschaft jenes mährchenhaften Weibes in der äusseren Form einen be- 
stimmten Ausdruck zu geben, sie nicht zur kalten Sirene des Alterthums 
zu machen und doch allem Formenreiz der letzteren zu genügen. Die 
Hauptpunkte, wie dieser Ausdruck dargestellt ist, habe ich im Obigen mit 
Worten anzudeuten gesucht; den nachlässigen Adel der Stellung und Be- 
wegung, die schönen Linien der Gewänder, die meisterhafte Vollendung 
in den Stoffen, vor allem aber dieizarte, warme und reine Farbe im 
Nackten, in welchen Dingen kein geringster Vorzug des Bildes besteht, 
alles dies ist freilich nicht mit Worten zu beschreiben. Es ist unstreitig 
eins der schönsten Gemälde, welche Begas bisher geschaffen, eine der be- 
deutendsten Erscheinungen der heutigen Malerei. Es ist im Auftrage des 
Vereins der Knnstfreunde im preussischen Staate gemalt und wird für 
denselben Verein von Mandel in Kupfer gestochen werden. 
Begas ist gegenwärtig mit der Ausführung einer grossen Composition; 
Kaiser Heinrich lV. im Burghofe von Canossa, beschäftigt. Einige sehr 
vorzügliche Portraits von seiner Hand sind so eben vollendet. Eine reiche 
Anzahl sehr geistreicher Compositionen, deren Entwurf ebenfalls meist aus 
der jüngsten Zeit herrührt, lässt für die Zukunft nicht minder Vorzüg- 
liehes erwarten.
        

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