Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften über neuere Kunst und deren Angelegenheiten
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1499400
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1501064
Franz 
Burchardt 
Dörbeck. 
(Museum 
1835 , 
Am 2. October (1835) verschied zu Berlin ein Künstler, dessen Name 
nur wenigen unsrer auswärtigen Leser bekannt sein dürfte. Und doch hat 
Dörbeck das Verdienst, in einer bedeutenden Reihe kleiner, meisterhaft 
hingeworfener Kunstwerke ein eigenthümliches Genre gebildet und voll- 
endet zu haben, welches sowohl für die komische Kunst, wie für die Ge- 
schichte der Sitten unsrer Zeit von besondrem Interesse ist: wir meinen 
jene illuminirten lithographischen Federzeichnungen, die unter dem Namen 
der Berliner Witze über alle Welttheile  soweit nur Freunde berlini- 
schen Lebens gefunden werden  verbreitet sind. Das Verdienst dieser 
kleinen, anscheinend so geringfügigen Scherze, ist nicht leicht zu hoch 
anzuschlagen; die Aufgabe, welche dem Künstler hier gestellt war, gehört 
in der That zu den schwierigsten. Es galt den Charakter der unteren 
Volksklassen einer grossen Stadt, wo in der Regel alle möglichen fremden 
Einflüsse sich vereinigen, um die eigentlich nationalen Typen auszulöschen, 
doch so, wie er eben wiederum in seinen lokalen und temporären Ver- 
hältnissen alles Fremde in sich hineinzielit und sich selbständig geltend 
macht, aufzufassen, mit wenigen Zügen wiederzugeben und jedes Einzelne 
als ein künstlerisches Ganzes zu gestalten. Da wir uns nicht dieselbe künst- 
lerische Kraft, wie dem Verfertiger jener Blätter, zutrauen, so wissen wir 
nicht wohl, wie wir hier das Eigenthümliche im Charakter des gemeinen 
Berliners mit wenigen Worten schildern sollen. Für die meisten Fälle 
möchte es am passendsten sein, einen gewissen gelassenen Humor als das- 
jenige zu bezeichnen, was ihm alle Sättel gerecht macht, was ihm in Ge- 
fahren und Nöthen beisteht, ihn sich in traurige Lagen schicken lehrt und 
seine Freuden würzt; er kann nichts unternehmen, ohne eben seinen "Ber- 
liner Witz" dabei zu machen. "Bange machen gelt nich" (die Worte des 
Zettelanklebers, der während seines Geschäftes das blecherne Verbot, wel- 
ches eine Hausecke schützen soll, bemerkt),  dies ist das immerwieder- 
kehrende Motto für das Leben des Berliners. Wenn er des Abends die 
Stufen vor der Thür der Tabagie herabstolpert und niederstürzend sich 
die Nase blutig schlägt und die Pfeife zerbricht, so weiss er sich selbst 
gleich mit einem: „Na so muss't kommen, sagt hleumann!" zu trösten. 
Wenn er betrunken nach Hause kömmt und von seiner Xantippe ziemlich 
unsanft mit dem Besen empfangen wird, so muss er ihr, wehrlos, wie er 
ist, doch bemerklich machen, dass sie sich dadurch bei ihm nicht ninsinui- 
ren" würde. Wenn sein Sohn zum Militairdienst eingefordert ist und er 
einen Freund, der Gleiches erlitten, mit dem eignen Schicksal trösten will, 
so drückt er sich trotz seiner Thränen doch noch mit dem beliebten Euphe- 
mismus aus, dass sie seinen Sohn auch ggcwünscht" hätten. U. s. w. Vor 
Allen ist dieser Grundzug in den Dörbeckschen Blättern mit vollkommen- 
ster Sicherheit aufgefasst und überall, auch wo in den Unterschriften gar 
nichts für eine bildliche Auffassung gegeben schien, auf's Glücklichstc 
durchgeführt; es kann das, was die Blätter darstellen, eben nirgend anders- 
wo als in Berlin vor sich gehen. Dass jedoch dieser Grundzug nicht so 
leicht aufzufassen ist, beweisen sämmtliclie Blätter der Art, die von andern,
        

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