Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften über neuere Kunst und deren Angelegenheiten
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1499400
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1500972
Besuch in München. 
Ein 
129 
Räumen seiner Gebäude iusgemein nicht an grossartigen und würdigen 
Verhältnissen fehlt; die Glyptothek namentlich giebt hievon erfreuliche 
Beispiele, und die Pracht der mit farbigem Stuckmarmor bekleideten Wände 
erhöht das Gefaillige des allgemeinen Eindrucks. Im Detail aber möchte 
man gern wiederum Manches anders wünschen, besonders in den beiden 
von Cornelius ausgemalten Festsälen. Hier steht das Gewaltige der An- 
ordnung kolossaler Gemälde im schweren Halbkreise durchaus in keinem 
Verhältniss zu der darunter befindlichen dünn römischen Pilaster-Archi- 
tektur: ein Widerspruch, welcher eben aus der Vermischung gänzlich hete- 
rogener Elemente hervorgeht und hauptsächlich Schuld ist, dass die Gemälde 
auf den ersten Anblick zum Theil manierirt erscheinen, was sich beträcht- 
lich verringert, wenn man dieselben bei längerer Anschauung von ihrer 
architektonischen Umgebung sondert. Die grossen Säle'der Pinakothek 
werden ebenfalls, wenn sie vollendet sind, im Ganzen einen sehr bedeu- 
(enden Eindruck machen; aber die Dekoration ihrer Wölbungen ist wie- 
derum häufig wirr und willkürlich. 
Die Architekturen, welche von Hrn. Gärtner ausgeführt werden,  
die Ludwigskirche, die Bibliothek, u. s. w. sind im byzantinischen Style, 
welchen dieser Baumeister (wie Ilr. Hübsch in Karlsruhe) für denjenigen 
zu halten scheint, der mit den Bedürfnissen unsrer Zeit am meisten über- 
einstimmt. Die einfachen Bogenfcnster seiner Paläste, die eigenthiimlichen 
Gcsimse dieses Baustyles haben allerdings etwas Imponirenrles; auch bil- 
det sich seine Kirche in ihrer Hauptanlage, in ihren Verhältnissen und 
Hauptformen, würdig und bedeutend. Doch traten uns auch hier Miss- 
verständnisse des erwählten Baustyles entgegen. Hinter dem Altarraume 
schliesst die Kirche willkürlich und unmotivirt durch eine gerade Wand 
ab; während die mittelalterlichen Gebäude dieses Styles in der halbrunden 
Altarnische einen ebenso vollendeten wie beruhigenden Abschluss finden. 
Ebenso glauben wir in den bereits ausgeführten Gliederungen unharmo- 
lllSChE und willkürliche Zusammenstellungen bemerkt zu haben. Ein 
freieres Urtheil wird jedoch erst nach der Vollendung des Baues und nach 
seiner Befreiung von den verhüllendcn Gerüsten möglich sein. 
Die Kirche in der Vorstadt Au wird von Hrn. Ohlmüller im gothischen 
Style erbaut. Sie ist einfach, in leichten Formen und Verhältnissen, em- 
porgeführt; die Einfassungen der Fenster sind aus gebranntem Stein (wie 
das ganze Gebäude) leicht und klar verständlich gebildet. Ucber die Facade 
enthalten wir uns eines näheren Urthcils, da sie gegenwärtig unter einem 
Bretterverschlage stand und uns nur aus einem kleinen Kupferstiche be- 
kannt ist, nach welchem sie freilich mehr den Charakter einer Dekoration 
als den eines organischen Ganzen haben dürfte.  Die protestantische 
Kifßhß, von Hrn. Pertsch erbaut, ist ein wenig gelungener Versuch, eine 
entSPTßChende Form für den protestantischen Ritus zu erfinden.  
Unter (1611 grossartigen Unternehmungen im Bereiche der Wandmalerei 
sind die Fresken in den Arkaden des Hofgartens für die allgemeinste 
Anschauung bestimmt. Sie sollen das Volk durch bildliche Darstellung 
würdiger Gegenstände auf eine höhere Ansicht des Lebens hinleiten. Sie 
bestehen aus zwei verschiedenen Cyklen. Der erste enthält, wie bereits 
bemerkt, eine Reihenfolge von sechzehn historischen Gemälden, welche die 
grossen Thaten und die allmählige Erhebung des Hauses Wittelsbach bis 
auf den verstorbenen König Maximilian Joseph darstellen. Sie sind von 
Kugler, Kleine Schriften. lll. 9
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.