Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften über neuere Kunst und deren Angelegenheiten
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1499400
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1500718
Rheinischer Sagenkreis. 
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Schwert gestützt, wendet mitleidvoll sein Gresicht; es ist derjenige, wel- 
cher den alten Kaiser wiederum befreien wird. 
„Der Mäusethurm." Man sieht die Zllme des alten, verrufenen 
Gemäuers, um welches ein grausiger Nachtspuk saust. Angstvoll klam- 
mert sich der verfluchte Geist des Bischofes Hatte 31111811 Steinen fest; 
um ihn her schwirren die Geister derer, die er in Hunger und Feuers- 
noth aus teuilischem Geize sterben liess, ein jSIIDXIIQTVÜU-erv qualeflzefris- 
sener Chor. Hier schleppt ein Mädchen seine alte Mutter durch die Lüfte 
herbei, dort hält ein junges Weib dem Bischofe ihren Säugling entgegen; 
andre klettern und haspeln sich an den Ecksteinen des Thllrmes empor- 
Eine Schaar von Mäusen, die den Bischof im Leben verfolgten, umtlattert ihn 
auch noch hier. Unten auf dem Rheine fahrt ein einsamer Nachen vorüber. 
„Der Schwesterfelsen oder die sieben Jungfrauen." Es ist 
die Stelle des Rheines wo, vor dem mächtigen Felsen der Loreley, Strudel 
und Klippen dem Schiffer Gefahr drohen. Aus den empörten Wogen 
schwingt sich die stolze Gestalt der verderblichen Nixe, eine Leukothea 
des Nordens, empor; hoch wie eine sprützende Welle flattert ihr weiter 
Mantel über ihrem Haupte. Vor ihr tanzt das Kähnlein mit den sieben 
schönen Kindern , die sich in reizendster Verzweiflung umfassen und die 
Hände ringen. Die Armen sollen für ihre Stein-Herzen nunmehr selber in 
Steinklippen verwandelt werden. Neugierige Hechte und Lachse stecken 
ihre Häupter hervor und sehen sich den verwunderlichen Vorgang mit an. 
Auch am Ufer steht ein Neugieriger, ein Poet von der romantischen Sekte, 
wie aus seiner feinen Citlicr zu ersehen. Der Unglückliclie! wie manch 
ein Loreley-Lied wird er fortan singen müssen! 
 "Die heilige Adelhaid." Wir sehen den Chor der Abtei Vilicli. 
Wunderhübsche Nonnen knieen zu beiden Seiten, am Altartisch die heilige 
Abbatissin, vorn die andächtigen Zuhörer: ehrliche alte Bauern, unschul- 
dige kindische Kinder, und links in der Ecke, an einen Pfeiler gelehnt, 
ein stolzer ritterlicher Gesell mit prächtigem verführerischem Lockenhaar. 
Ei- sieht nach der einen Nonne hinüber und sie wieder nach ihm; sie 
merkt nicht, dass sie falsch singt und dass die gestrenge Domina zürnende 
Blicke auf sie schiesst und die dürre heilige Hand bereits erhebt zu dem 
Backenstreich , der  wie die Legende erzählt  schlechten Sängerinnen 
augenblicks die richtigsten Töne einimpfte. Neben der Unaufmerksamen 
kniet eine andre reizende Nonne, die gewiss nach bestem Willen richtig 
singen möchte; aber es will nicht gehen. Sie hat das Chorbuch sinken 
lassen und die Händchen darüber gefaltet, und erhebt das schmachtende 
Auge in inbrünstiger Verzweiflung nach oben. Auch ihr wird die ertlehte 
Hülfe von der heiligen Hand bald zu Theil werden,  die Dichterin we'- 
nigstens hat es uns nicht verschwiegen. 
"Roland der treue Paladin." Auf hoher Terrasse seiner stolzen 
Burg Rolandseck sitzt der Ritter, tief in sich versunken, eine schöne mäch- 
tige Gestalt, deren edle Glieder von seinen einstigen Heldenthaten zeugenr 
Unverwandten Blickes schaut er nieder auf das Nonneneiland, wo das 
Kloster aus den Bäumen hervorragt und wo die Geliebte sterbend weilt. 
Lautlos hängt die Harfe neben ihm, vergebens schmeichelt ihm die treue 
Dogge, vergebens mahnt ihn der fröhliche Knappe, der zu seiner Seite steht, 
den Falken zu nehmen und auf die Reiherbeize hinauszureiten. Wenn 
das Glöcklein im Thale verklungen ist, wird auch des Helden Seele 
gebrochen sein.
        

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