Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften über neuere Kunst und deren Angelegenheiten
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1499400
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1500669
Berichte, 
Kritiken, 
Erörterungen 
werden soll; sie lingiren wenigstens das System des Säulenbaues. Zuwei- 
len hat der Verf. vor das Portal einen kleinen zweisäuligen Portikus mit 
griechischem Gebälk oder mit einem Bogen, letzteren jedoch ohne Wider- 
lagen 1), gesetzt; zuweilen eine offene Vorhalle im Gebäude selbst gebildet, 
die durch einen grossen Rnndbogen überwölbt ist. Letztere Einrichtung 
gewährt häufig etwas Grandioses, erinnert im Einzelnen (z. B. T. II) je- 
doch wiederum zu sehr an römische Stadtthore, die eben nichts Kirchliches 
haben. In einem Beispiel (T. XIV) ist diese Vorhalle als eine grosse Nische 
(mit halbkreisrundem Grundrisse) gebildet, was uns für einen Eingang 
von aussen ganz unpassend dünkt, wie trefflich diese Form auch für den 
Abschluss des Inneren passt; überdies kann auch die Thür, die aus dieser 
Nische in die Kirche führt, nicht dazu stimmen. In einem andern Beispiel 
(T. III) nimmt die Vorhalle die ganze Breite des Gebäudes ein und öli- 
net sich nach aussen durch Säulenarkaden,  ein treffliches Motiv italie- 
nischer, besonders mittelalterlicher Kunst, das aber hier wiederum gar 
nicht mit der schwerfiilligen Masse der Fronte in Harmonie gesetzt ist. 
Ueber die Mitte der so gestalteten Fronten erhebt sich der Thurm, 
gemeinhin ohne alle Verbindung mit dem unteren Bau,  ein sogenann- 
ter Dachreiter. Bei den einfacheren Plänen ist es eine hohe, lange, vier- 
eckige Masse, schwer, unverjüngt und ohne den Charakter des Empor- 
strebens, den die gothisehen Baumeister so trefflich zu erreichen wussten. 
Den Haupttheil dieses Thurmes bildet gewöhnlich eine grosse überwölbte 
Oetfnung, darin die Glocken bangen. Gesimse theilen zumeist den Thurm 
in mehrere Geschosse; auch finden sich Pilaster auf den Ecken in antiker 
Weise angewandt, jedoch in der Regel, was Breite, Höhe, Entfernung an- 
betrifft, ganz ohne alles Verhältniss der Säulenordnungen, schwer und 
ungeschickt. Griechische Giebel bilden auch hier gewöhnlich den Ab- 
schluss. In der Mitte des Giebeldaches findet man einige Mal eine Statue 
errichtet, die aber, da sie von keiner leichten Spitze in die Höhe getragen 
wird, stets nur aus der Entfernung von einigen hundert Schritten ganz ge- 
sehen werden kann. Auch kommt statt deren einmal ein Engel vor, der 
an einem Kreuze flattert, vermuthlich eine künstlerisch ausgebildete Wind- 
fahne. Ein Beispiel dieser einfachen Gebäude (T. XIII) zeigt zwei Thürme 
auf den beiden Seiten, die besser zum Ganzen stimmen und auch in sich 
ein gutes Verhältniss haben. Eine grosse Uhr (zwei an dem eben genann- 
ten Beispiele) nimmt ebenfalls überall eine bedeutsame Stelle ein. Ja, 
auf einem Entwurfe ist dieser unkünstlerische Gegenstand mitten in das 
Giebelfeld des Unterbaues gesetzt und sind kolossale Ranken-Ornamente 
an seinen Seiten angeordnet: die Griechen, die hohen Meister des Verfas- 
sers, stellten in die Giebelfelder ihrer Tempel die Bilder der olympischen 
Götter. Man könnte an diesen Wechsel allgemeine Betrachtungen anknü- 
pfen. In den Niederlanden dient der Thurm des Stadthauses, der kühne 
Belfried, zum Tragen der Uhr. 
 Einer solchen widersinnigen Struktur ist der Vorwurf ebenfalls zurück- 
zugeben, den der Verf. der Technik der gothischen Baumeister macht: „Wenn 
man die eisernen Anker, Schlüssel, Schleudern und Bänder sieht, wodurch das 
Alles mühsam zusammen und aufrecht gehalten wird, so kann man sich kaum 
enthalten, die blinden Bewunderer solcher Künsteleien zu fragen, 0b ihnen auch 
ßin Grotesktänzer, welcher sich und die Glieder seines Körpers durch Drähte 
und Stricke in den wunderbarsten, kühnsten Stellungen und Verdrehungen er- 
halten lässt, besser als ein griechischer Mime gefallen wiirdeß
        

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