Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften über neuere Kunst und deren Angelegenheiten
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1499400
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1500643
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Berichte, Kritiken, 
Erörterungen. 
Karyatitlen, die unmittelbar und ohne Kapital  im GegßnSail gegen die 
schöne Anordnung bei der Karyatidenhalle des Erechtheums  ein schwe- 
res horizontales Gebälk tragen, u- S- W- 
Was die Formirung der architektonischen Glieder im Detail anbe- 
trifft, so zgigen sich zwar auch hier einzelne griechische Studien, doch bleibt 
der Verfasser stets in einem unerfreulichen Schwankerbzwischen griechi- 
scher und römischer Weise. Nur die Gestalt des Eßhinus erinnert an 
griechische Motive, doch auch der späteren Zeit; der Rundstab erscheint 
stets in der unelastisch römischen Weise, die ihn in einem vollkommenen 
Halbkreise bildete; der Rinnleisten hat ebenfalls ganz die schwerfällige 
Form der Römer und trägt überdies insgemein, nach moderner Manier, 
die schwere Linie des Daches, statt leicht über derselben vorzuspringen. 
Ueberhaupt hat die Zusammenstellung der Glieder durchhin etwas Schwe- 
res und Ungefüges; und wo der Verfasser solche ohne antike Vorbilder 
versucht hat, ist sie nicht selten imorganisch, ohne Berücksichtigung der 
Gesetze des Druckes und Gegendruckes, ausgefallen. Man sehe das Fuss- 
gesims auf T. VI, Fig. 6, das Kranzgesims auf T_ XXVIII, Fig. 3, u. a. m. 
Ist der Verfasser demzufolge weder der grossartigen Einfalt der alt- 
christlichen Basilika, noch der Reinheit und Consequenz griechischer For- 
menbilduug treu geblieben, so findet sich immer noch Raum genug. um 
eigenthümlich und allgemeinhin Tdchtiges und Würdiges zu leisten. Sehen 
wir weiter.  
Was die innere Anordnung, das wichtigste Moment bei einer christ- 
lichen Kirche, anbetrifft, so haben wir gesehen, dass der Verfasser aus 
den alten Basiliken die grossartige Altarnische beibehalten hat. Dies 
sichert ihm für den bedeutendsten Theil der Kirche, auch wenn sie sonst 
nur ein einfaches Langhaus bildet, eine würdige Gestaltung. Ueber das 
profane Galleriewesen verschiedener Entwürfe" haben wir uns ebenfalls 
schon ausgesprochen. Doch müssen wir noch hinzufügen, dass der Ver- 
fasser in einem Entwurfe (T. XIII) die dorischen Säulen unter dem hori- 
zontalen Gebälke der Gallerie ohne allen Grund so angeordnet hat, dass 
die Zwischenräume abwechselnd grösser und kleiner ausfallen,  noch 
ein Beispiel von dem eigenthümlichen Missverständniss der Antike! Die 
würdigste Anordnung der Gallerien zeigt der Entwurf auf T. XXI. Hier 
sind die Säulenstellnngen, nach dem Vorgangc mehrerer Italiener, durch 
kräftige Bögen verbunden, während die Dekoration der oberen Gallerie 
eine Nachbildung der eigenthümlichen Oomposition zeigt, welche Palladio 
für das Aeussere der Basilika von Vicenza erfunden hat, jedoch vernüch- 
tert und zerbrochen, indem hier die neben dem Mittelpfeiler nöthigen Sei- 
tenpilaster weggelassen sind. 
Dies Galleriewesen fällt jedoch ganz fort, oder wird (in einem Beispiel, 
T. XXIII) den Hauptformen der Pfeiler glücklich untergeordnet, wo der 
Verfasser gewölbte Decken angewandt hat. Für diese ist stets die Form 
des Tonnengewölbes gewählt, eine Form, die an sich gewiss bedeutend 
und gross wirkt. Aber das Tonnengewölbe verlangt nothwendig eine feste, 
horizontale Unterlage: der Verfasser lässt es dagegen überall (mit Aus- 
nahme eincs Beispieles) unmittelbar von den Kapitälen der Pfeiler oder 
Säulen ausgehen, wodurch er zu der tvitlerwärtigen Form der Stichkappen 
verleitet wird und überhaupt jener höchst gewaltigen Gewölbmasse für das 
Gefühl des Beschauers allen nothwendigen Halt raubt. Gewölbe, die un- 
mlttelbar von Pfeilern ausgehen sollen, müssen nothwcndig die Form der
        

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