Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften und Studien zur Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1491654
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1499100
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Kritiken. 
und 
Berichte 
vorschiessen, der Art, dass dieses schwingend Vorschiessende, ohne neue 
Combinationen mit andern 'l'heileu des Maasswerkcs einzugehen, sofort 
wieder in jene Hauptbewegnng zurückgezogen wird. So theilt und glie- 
dert sich die Bewegung, säumt z. B. den Kreis mit kleineren Kreisansätzen 
(mit drei, vier, sechs. acht, zehn der Art), dass ein rosenartiges Gebilde 
entsteht, und tritt nicht minder an den aus Bogenstücken zusammenge- 
setzten Figuren hervor, anderiaitig ein Dreiblatt, Vierblatt u. dergl. bil- 
dend. YVie an der geometrischen Grundform, so haben diese Bogenzacken 
natürlich auch an den Formen der Profrlirung, daran jene entwickelt sind, 
Theil. Die mittelalterliche Banschule hat ihnen den, freilich nicht sehr 
ästhetischen Namen der "Nase" gegeben.  Was solchergestalt sich bei 
dem aus Kreis- oder Bogenlinien gebildeten Maasswcrk an graziöser Be- 
lebung entwickelt hat, wird sodann auch wohl auf die geradlinigen Com- 
binationen desselben übergetragen; doch bleibt in diesen, die des eigent- 
lichen Schwunges entbehren, immer eine gewisse Starrheit und Kälte zurück. 
Für die mannigfachsten Zwecke ist dies Maasswerk verwendbar. Das 
Grundprincip seiner Bildung ist stets ein bestimmt einfaches, aber die 
Combinationen sind unzählbar. Für die Auswahl der Combinationen wird 
der künstlerische Geschmack entscheiden müssen; (denn allerdings können 
sie unter Umständen sich auch zu minder gefälligen Formen zusammen- 
fügen.) Für die Art der Verwendung wird daran festzuhalten sein: dass 
das Maasswerk vor Allem einen integrirenden Theil des gothischen Bau- 
styls bildet, hervorgegangen aus den ihm eigenthümlichen Combinationen 
geometrischer Gesetze, im Einklange mit diesen, und in seinem eigentli- 
chen künstlerischen Zwecke nur durch den Rückblick auf die Gesammtheit 
jener Gesetze verständlich. Wo man heutiges Tages aufs Neue gothisch 
baut und in solcher Bauweise den Formenausdruck auch für das geistige 
Gefühl unsrer Zeit gefunden zu haben meint, wird die ornamentistische 
Form des Maasswerkes ihre widerspruchlose Stelle finden. Anders dürfte 
es sein, wo die Ucberzeugung von der Zeitgültigkeit des gothischen Stylcs 
nicht auf denselben festen Fundamenten beruht. Es wird "in Erwägung zu 
nehmen sein, ob bei der Anwendung abweichender architektonischer Ele- 
mente eine Ornamentik, deren Spiel durchaus jenen strenger gemessenen 
Grundgesetzen folgt, die ganz entsprechende Stelle finden kann. Es wird 
dabei zunächst wenigstens auf eine sehr vorsichtige Verwendung ankommen. 
Indess leben wir einmal in der Zeit einer grossen Vermischung der Style, 
wie sie die Geschichte der Baukunst früher nie gekannt hat; es scheint, 
als 0b unsre Zeit erst dann gründlich weiter gedeihen werde, wenn sie 
die Menge dieses Vorliegenden wahrhaft bewältigt und verarbeitet hat. 
Es wird daher Alles, was zu solcher Bewältigung des Einzelnen Gelegen- 
heit giebt, willkommen zu heissen sein. 
Dahin gehört das in der Ueberschrift genannte WVerk, welches ein 
praktisches Lehrbuch für die Construction der göthischen Maasswerke aus- 
macht. Es ist meines Wissens kein Werk vorhanden, welches diesen. in 
sich abgeschlossenen Gegenstand in ähnlich gründlicher, verständlicher 
und umfassender Weise behandeltew welches ebensosehr lzur sichern Auf- 
fassung deS Gegebenen, als zu selbständig neuen Compositionen an- 
leitete, Der Verfasser beginnt zweckmässig mit der Construction der ein- 
fachen geometrischen Grundtiguren, der Lehre von den Protilirungen, der 
Bildung jener „Nasen", und entwickelt sodann in einer reichen Folge von 
Beispielen  seine Bildtafeln enthalten im Ganzen 183 Nummern  die
        

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