Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften und Studien zur Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1491654
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1499095
Ueber 
der Maasswverke. 
die Construction 
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lieber die CQUStyUCtiOII der Maasswerke von Carl Stooss, Als 
Beitrag zur Förderung der gewerblichen Bildung herausgegeben von dem 
Gewerbeausschuss der Gesellschaft zur Beförderung gemeinnütziger 'l'hätig- 
keit in Lübeck. Lübeck, 1853. 21 S. _und XV Tafeln in kl. F01. 
(D. Kunstblatt 185mm 44.) 
Einer der wesentlichen Factoren für die Gestaltung der gothischen 
Architektur ist die geometrische Combination. Die Lösung des Ganzen in 
die Fülle selbstberechtigter Einzeltheile und das Gegeneinanderwirken der- 
selben, was aus dem System von Gcwölbrippe und Strcbepfeiler entspringt, 
hat hier, in Grundriss, Durchschnitt und Aufriss, ein strenges Wechselver- 
hältniss geometrischer Bedingnisse hervorgebracht, das in ähnlichem Grade 
bei keinem andern Baustyle stattfindet. Wir wissen, dass diese Bedingun- 
gen bei dem Aufbau des gothischen Werkes selbst bis zu einer Consequenz 
durchgeführt sind, der das naive Gefühl des Beschauers manches Mal nicht 
mehr vollständig zu folgen vermag und deren letzte Punkte nur noch 
durch den uachrechnenden oder nachmessenden Verstand gewürdigt wer- 
den können. S0 beruht auch ein wesentlicher Theil der gothischen Orna- 
mentik auf dieser geometrischen Combination. Sie hat dazu geführt, Um- 
säumungen, Theilungen, Füllungen mit so streng gemessenem wie zierlich 
buntem Formenspiele, dessen rhythmische Consequenz dem Auge einen 
eigenthümlichen Reiz zu gewähren im Stande ist, zu umkleiden. Es ist 
die Kunst des sogenannten Maasswerkes, die auf solchem Principe beruht, 
Die geometrische Grundform des Oruamentes erhält ihre Belebung, 
ihre körperlich plastische Wirkung durch die Ausgestaltung (das Profil) 
der Gliederung, an und mit welcher sie sich entwickelt. Die Form dieser 
Gliederung beruht  so weit das Maasswerk überhaupt mit ästhestischem 
Gefühl behandelt wird  auf jenem vegetativ organischen Elemente, wel- 
ches ein zweiter Hauptfactor des Gothischen ist. Sie empfängt durch die 
kehlenartig eingezogene Seitentläche eine elastische Spannung, durch den 
Rundstab (der wenigstens bei Maasswerken von energischer Bedeutung an 
dem Hauptgliede hervortritt) die Andeutung einer mehr individuell archi- 
tektonischen Kraft.  
Doch wäre mit diesen Mitteln noch immer erst ein herbes und starres 
Ornamentwerk,  ein solches, dem das Spiel freier Grazie noch fehlt, 
gebildet. Andre Baustylc haben dies Fehlende in der Nachbildung des 
wirklichVegetativen und in dessen Hinzufügung an die strenge Grundform 
Zu erreichen gesucht, und auch der gothische Baustyl ist dem bei andern 
Theilen durchaus nicht fremd geblieben, hat das Vegetative in einzelnen 
Fällen auch in der That mit dem Maasswerk verbunden. Für das letztere 
aber hat er eine freiere Belebung vorzugsweise durch eine weitergeführte 
Bewegung der Linien und Formen zu schaffen gewusst, die wiederum auf 
den Grundsätzen eben jener geometrischen Combination beruht und die, 
obgleich sie nur die aussersten Endpunkte des Dekorativen herum, den- 
noch mit zu den markantesten und völlig ausschliesslichen Eigenthümlich- 
keiten der Gothik gehört. Die in der Bogenlinie des Maasswerkes schwin- 
gende Bewegung lässt einen Theil ihrer Kraft nach der inneren Seite her-
        

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