Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften und Studien zur Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1491654
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1498823
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Berichte 
Kritiken 
gegen den zugleich ein Zweiter, zu Fusse, mit dem Schwerte ausholt. Ein 
dritter christlicher Ritter, wiederum zu Pferde, erlegt einen Bären. Dann 
folgt eine zierliche Brunnenarchitektur; das Wasser des Brunnens strömt 
nach vorn aus und ist von allerlei Wassergeflügel belebt. Hinter dem 
Rande des Brunnens steht ein Ritter mit rother Kaputze, vielleicht der 
erstgenannte, und eine Dame, beide miteinander im Gespräche begritfen, 
das wohl nur Dinge der Minne betrifft. Dann ein maurischer Ritter zu 
Pferde, der einen Eber erlegt. Hierauf, an der andern Seite der Wölbung, 
eine Anzahl von Dienern, die den riesigen Eber auf ein Maulthier laden. 
Dann derselbe Maure zu Fuss und das Pferd am Zügel führend, mit Ge- 
folge; vor ihm der getödtete Eber, den er einer mit ihren Frauen erschei- 
nenden Dame als Jagdbeute zu bringen scheint. Die Dame ist aus einem 
prächtigen, von Mauern und Thürmen umgebenen Schlosse, vor dem ein 
zierlicher Springbrunnen steht und das in seinen gebrochen-bogigen Säulen- 
fenstern, in dem weitausladcnden Schattendach, in den kleinen Kuppeln 
und dem Halbmonde auf einer derselben entschieden maurischen Charakter 
trägt, hervorgetreten. Auf der andern Seite des Schlosses der eine der eben 
erwähnten christlichen Ritter (dessen Kopf leider zerstört ist), knieend vor 
einer Dame, die einen Papagei auf der Hand trägt und der er den erlegten 
Bären als Jagdbeute bringt. Das südliche Lokal wird in diesen Darstel- 
lungen, wie durch die Architektur, so auch durch einen Orangenbaum mit 
Affen und durch mehrere Palmbäume bezeichnet. 
Ob die näheren Bezüge der Darstellungen in diesen beiden Nischen zu 
ermitteln sein werden, mussich den Kennern der spanisch-maurischen Ge- 
schichte und Romanze überlassen. Das Allgemeine ihres Inhaltes, das 
romantisch abenteuerliche Leben jener Tage schon hinlänglich charakteri- 
sirend, ergiebt sich durch die Anschauung von selbst. Auch glaube ich, 
den gegebenen Andeutungen gemäss, nicht völlig zu irren, wenn ich bei 
den Darstellungen der Nische zur Rechten ein Lokal christlicher Gegenden, 
wo ein maurischer Ritter, etwa in der Besiegung eines Nebenbuhlers, ein 
glückliches Abenteuer besteht,  bei den Darstellungen der Nische zur 
Linken dagegen ein maurisches Lokal erkenne, wo christliche Ritter sich 
den einheimischen Jägern zugesellen und ihnen vergönnt wird, auch ihren 
Theil an Beute und Gunst zu gewinnen. 
Styl und Behandlung dieser Darstellungen scheinen, beim ersten An- 
blick, mit denen der Mittelnische nicht sonderlich übereinzustimmen. Sieht 
man aber näher zu, so beruhen die Unterschiede im Wesentlichen doch nur 
in der Verschiedenheit der äusseren Bedingungen und sind im Gegentheil 
die Grundelemente der künstlerischen Conception, ist das künstlerische 
Vermögen und die ganze Richtung desselben beiderseits einander ziemlich 
entsprechend. Die feierlich statuarische Ruhe der Gestalten der Mittel- 
nische, der hievon abhängige und durch die weiten Gewandungen begün- 
stigte rhythmische Linienfluss und das in Letzterem sich gleichzeitig gel- 
tend machende conventionelle Gesetz mussten hier freilich mehr zurück- 
treten. Aber dasselbe Gepräge des germanischen Styles im letzten Stadium 
seiner Entwickelung, der leichte Adel der körperlichen Verhältnisse bei 
einem schon guten Verständnisse der Form im Allgemeinen, der besondre 
Typus der Gewandlinien, wo zu dessen Ausbildung die Gelegenheit vor- 
handen war, die feine Bezeichnung namentlich der Köpfe, ohne doch zur 
wirklich freien Individualität zu führen,  mit einem Wort: der überall 
rege künstlerische Sinn innerhalb eines noch gebundenen Kreises ist hier
        

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