Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften und Studien zur Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1491654
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1498504
6.33 
Berichte 
und Kritiken. 
möchte sagen: aus Schüchternheit und Unbefangenheit zugleich gemischfßß 
Gefühl, welches, je mehr man sich in die Darstellung hineinlebt, einen 
nur um so grösseren Reiz gewinnt. Vor Allem tritt mir dies in dem Kopfe 
der Madonna entgegen. Es sind die raphaelischen Grundzüge; aber doch 
sind sie leise in der Art umgebildet, doch ist ein frenidartiger, fast däm- 
mernder Hauch darüber hingezogen, dass man geneigt sein möchte, auf 
das Uebertragen in die Gefühlsweise selbst einer fremden Nationalität zu 
rathen, während gleichzeitig das allerdings unverkennbare raphaelische Ge- 
präge in dem Johanneskopfe einen gewissen ecstatischen Zug erhalten hat, 
der auch in fast fremdartiger Weise in die naive Composition hinein- 
klingt. Für die Arbeit eines Künstlers, der ursprünglich nicht zur römi- 
schen Schule gehörte, glaube ich das Bild jedenfalls halten zu müssen; 
dahin deutet nach meinem Dafürhalten u. A. schon der zierlich gestickte 
durchsichtige Kopfschleier, der über der Stirn der Madonna, unter dem 
darüber gelegten Mantel, sichtbar wird. Der Maler gehört ohne Zweifel 
einer fernerstehenden Schule an, vielleicht seinem Ursprünge nach, wie 
schon angedeutet, einer ausseritalienischen. Manches will mich wie ein 
Nachklang älterer spanischer Weise gemahnen; oder es mag ein, solcher 
Richtung entsprechender Niederländer gewesen sein, der das Bild ausge- 
führt hat, womit sich dann der von Ihnen angeführte Umstand, dass das- 
selbe ein Paar Jahrhunderte hindurch unberührt an seiner bisherigen Stelle 
in der Nähe von Antwerpen geblieben zu sein scheint, auf das Einfachste 
verbinden würde. Doch wäre es verwegen, auf einen Kupferstich, auch 
einen so gediegen durchgeführten wie den Ihrigen, irgend nähere Hypo- 
thesen der Art begründen zu wollen. 
Nominell verliert das besprochene Gemälde, wenn es nicht von Ra- 
phael selbst gemalt ist, wohl den Ruhm, der ihm seit kurzer Frist be- 
reitet worden:  für denjenigen, der mehr als eine blos nominelle Werth- 
schätzung verlangt, wird es ohne Zweifel ein sehr schätzbares Werk und 
seine Entdeckung ein erfreuliches kunstgeschichliches Ereigniss bleiben. 
So wird man auch Ihnen für die Mühe und den hingebenden Fleiss, wel- 
chen Sie der Reproduktion dieses schönen Bildes gewidmet haben, unter 
allen" Umständen dankbarverptlichtet sein. In der That haben Sie in 
diesem Blatte die Mittel Ihrer schönen Kunst mit so feinem und innigem 
Verständniss und zugleich so fern von aller fremdläudischen eiteln Vir- 
tuosenmanier zur Anwendung gebracht, haben Sie damit ein künstlerisches 
Ganzes von so Wohlthuender, klarer und warmer Harmonie geschahen, dass 
die deutsche Kunst Ihnen nur aufs Neue alle Anerkennung zu zollen hat 1). 
Schliesslich kann ich Ihnen auch über das neue Unternehmen, von 
dem Sie mir Mittheilung gemacht, nur meine Freude und den aufrichtigen 
Wunsch des gedeihlichsten Gelingens aussprechen. Dass Sie von der 
mächtigen Kreuzabnahme von Rubens zu Antwerpen, während dies Bild 
im Restaurationslokal ein so viel gründlicheres Studium verstattete als 
früher an der Kircbenwand, eine durchgeführte Zeichnung gefertigt haben, 
dass Sie dieselbe demnächst im grössten Maassstabe in Stahl stechen wer- 
den, wird gewiss das lebhafte Interesse aller Kunstfreunde erwecken. 
Berlin, im October 1851.  
2) Dö-S Blatt V01! Hrn. Fr. Wagner ist im Stich etwa  Zoll hoch und 
gegen 103], Zoll breit. Es wird mit der Unterschrift La Vierge aux Langes aus- 
gegeben werden. Der König der Belgier hat die Widmung desselben angenommen.
        

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