Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften und Studien zur Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1491654
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1498496
Langes. 
HUX 
Vierga 
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Ilierkt haben, dass dasselbe, abgesehen von seiner eigenthümliehen, doch 
nur änsserlichen Gefälligkeit in der Behandlung, mit dem Bilde bei Broecn 
bis in die kleinsten 'l'heiltt übereiustimme. 
Das Bild bei Brocca ist, wie nach Ihrem Urtheil, so nach dem noch 
andrer zuverlässiger Kenner, z. B. Rurnohtds, nicht als ein Originalwerk 
Von Raphaels eigner Hand zu betrachten; auch das Bild in der Esterhazy- 
Gallerie bezeichnet Passavant nur als ein gutes Schulbild. Der Zweifel 
gegen die Originalität beider dürfte sich nicht minder schon aus der An- 
sicht der genannten Kupfer-Stiche ergeben. Dennoch waltet in der ganzen 
Darstellung, wie sie diese beiden Stiche in einander ziemlich entspre- 
chender Weise bringen, und namentlich in dem von Longhi und 'l.'0_schi, 
ein Element, welches mit charakteristischer Entschiedenheit den raphaeli- 
sehen Ursprung erkennen lässt und sich noch verhältnissniässig eng an 
denselben anschliesst. Es ist hier überall auf grösserc ruhigere Massen. 
auf deren freiere Entwickelung, auf das entschiednere Hervorheben 1168 
Körperlichen bestimmte Rücksicht genommen, während in der Gewandung, 
dem Adel des Körperlichen entsprechend, die Mllauptmotive des "Falten- 
Wurfes gross und bedeutend, die andern wesentlich untergeordnet behan- 
delt sind,  Alles dies, wie es Raphael so durchaus eigenthümlich ist. 
Der Stich von Frey, im Ganzen zwar flauer erscheinend als jener, hat 
gleichwohl einzelne Motive, die darauf hindeuten, dass das Bild der Gal- 
lerie ltlsterhazy in einem noch näheren Verhältniss zu dem raphaelischen 
Originale stand. Beide Kinder sind hier völlig nackt dargestellt, ohne 
Vereinzelte Gewandflicken, denen man anderweit die spätere Zuthat nur 
allzu deutlich ansieht. Ferner hat hier  was besonders zu beachten sein 
dürfte  der Körper des Christusknaben, namentlich in seiner Brustpartie, 
die Andeutung einer vollkommen reinen und leichten kindlichen Behand- 
lung, während das Gesicht desJohannes eine glücklich lebhafte. Aushil- 
dung desselben Ausdruckes, der in dem 'l'oschi'schen Stiche zwar vorhanden 
ist, aber matt manicrirt erscheint, erkennen lässt. 
Stelle ich diesen beiden Stichen nunmehr das von Ihnen nachgcbildete 
Werk gegenüber, suche ich das Verhältniss zu erkennen, in welchem dieses 
zu Raphael steht, so linde ich in allen eben angcrleuteten Punkten wesent- 
liche und charakteristische Unterschiede,  und zwar solche, die meines 
Erachtens  denrAnttrerpener Bilde ein namhaftes Abweichen von 
haplutePs kunstlerischer hrgenthümlrchkert erkennen lassen. Es fehlen 
eben jene feineren Beziehungen des ganzen, für ihnyso sehr bezeichnenden 
Slylistischen Gesetzes. Ich bedaure daher, dass ich Ihrer Angabe über 
die Originalität des Anttverpener Bildes nicht beistimmen kann, und ich 
bedaure dies um so mehr, als hienach die Originalarbeit unter der ganzen 
Reihenfolge der hieher gehörigen Gemälde noch immer unbekannt bleibt. 
Dabei bin ich aber durchaus fern, die Schönheit des Antwerpener Bildes 
überhaupt in Frage stellen zu wollen; im Gegeutheil leuchtet schon aus 
Ihrem Stiche die Feinheit der geistigen Empfindung, wie sie der Inhalt 
der Darstellung unter allen Umständen erfordert, hervor, und wird zu- 
gleich eine sehr interessante Eigenthümlichkeit in der ganzen Auffassung 
und Behandlung ersichtlich, die dem Gemälde seine besonders bemerkens- 
Werthe Stellung einräumen dürfte. Bei geringerem Sinn für plastische 
Fülle und für Grösse des Styles überhaupt, bei einer mehr den Einzel- 
heiten zugewandten Sorge erscheint darin ein gewisses jugendliches,  ich 
liugler, Kleine Schriften. II. 42
        

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