Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften und Studien zur Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1491654
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1498129
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und 
Berichte 
Kritiken 
DerVerfasser stellt diese Compositionen so hoch, dass nach seiner Schluss- 
äusserung die Kunst des Mittelalters erst durch sie auf die Höhe ihrer Zeit 
gelangt sein soll. Ich kann ihm, wie gesagt, nicht folgen; ich finde das 
Gedankenhafte in Cyklen, wie denen des Freiburger Münsters, eben sehr 
allgemein, oft sehr unklar gehalten und das, was doch einmal das Spezielle 
an ihnen vorstellen soll, selten durch eine geistvolle Nothwendigkeit be- 
dingt, abgesehen von so manchen, wohl durch äussere Veranlassung vor- 
handenen Willkürlichkeiten. Im Kleinen habe ich an sonstigen Werken 
der Art manches Tiefgedachte gesehen: im- Grossen und Umfassenden ist 
mir dergleichen in der nordischen Kunst zumeist wie ein mehr oder weniger 
nebelhaftes Träumen des Gedankens erschienen. Ja, mich dünkt, das ganze 
Element dieser cyklisch symbolisirenden Bildnerei hat nicht gerade einen 
erheblich höheren Rang als jene, mit den gegebenen Architekturformen 
spielende Symbolik des Mittelalters, deren Leere der Verfasser selbst nach- 
gewiesen hat. Auch ist dies Kunstgebiet für die Kunst selbst am Ende 
von zweifelhaftem Werth: der Symbolik an sich ist die Form, oder ihre 
Durchbildung, doch nur gleichgültig, und 0b Leben, ob Hieroglyphe aus 
ihrem Schoosse hervorgeht, kümmert sie nur wenig. Wollte man wieder 
auf praktische Consequenzen deuten, so würde auch dies Gebiet als ein 
sehr gefährliches erscheinen. Es ist eben ganz einfach, meiner Auffassung 
nach, bildnerische Schwäche, was dieser Symbolik so bedeutenden Vor- 
schub geleistet hat. Bildnerische Kraft bedarf ihrer überhaupt wenig; will 
sie es aber, so hat sie zugleich auch die Kraft, dem symbolischen Elemente 
durch tieferes Leben zugleich festeren Inhalt zu geben. Die sinnvollste 
symbolisirende Darstellung des Mittelalters, der Triumph des Todes von 
Andrea Orcagna, gehört Italien an, wo der freiere Natursinn in der Kunst 
schon seine Schwingen regte. Das Vermögen hatte der Norden, zumal 
Deutschland, ebenfalls von früher Zeit an, zum Theil noch früher als Italien; 
aber er blieb in dieser Beziehung  in der Architektur freilich ungleich 
grösser als Italien  länger gebunden.  
Manch Einem, der den gegenwärtigen Stand der Dinge kennt, mag es 
vielleicht scheinen, als ob ich mich selbst mit diesen Widersprüchen gefähr- 
lichen Angriffen bloss gestellt habe. Es giebt heutiges Tages eine besondre 
Partei, die mit Macht und Leidenschaft, wohl verbollwerkt durch eine 
gründliche Gelehrsamkeit, für den mittelalterlichen Spiritualismus der 
Kunst ficht und ihr Auathem gegen die Andersgläubigen, die "Sensualisten", 
hinausschleudert. Indess wohnt der Kern der Partei doch etwas Seitab in 
Frankreich, wo alte und neue Kunstsünden, u. A. wohl das effektvoll 
Materialistische in der heutigen Kunst Frankreichs, zu einer solchen busse- 
predigenden Aesthetik, zu dieser viel ernsthafteren Reaction, als es unsre 
gutmüthige Romantik war, getrieben hat. Wir in Deutschland haben nur 
einzelne gesprengte Vorkämpfer dieser eifernden Schaar; ich glaube dass 
diese mehr Worte machen, als sie soust'lnhalt haben und wenn sie sich 
auch anderweit gar mit dem starrsten Ultramontanismus verbinden,  unsern 
Anfängern von unbefangener Kunst und unbefangenem Kungturthejl die 
bßidß, S0 Gßtt will, auf festem Boden stehen, droht durch sie keine Gefahr 
Der Verfasser aber gehört zu ihnen nicht, wenn auch Manches von diesem 
einseitige" sPiritllalismus ihm, meiner Auffassung nach, angeflogen sein 
mag. Dafür Spricht zu voll, zu beredt, zu ergreifend das reihe Gefühl 
der liefe ästhetisßlle Ernst, der trotz einzelner Missklänge (meinem Ohr-e 
wTmlästens erschelllßn sie so) das Ganze seines Buches durchdringt und in
        

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