Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften und Studien zur Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1491654
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1498041
616 
Berichte 
Kritiken 
und 
stellung; die eigenthümliche Stellung der dortigen bildenden Kunst ist 
aber doch wohl nur die, dass sie  vom dreizehnten Jahrhundert ab  
eben eine mehr individuelle Kraft, eine grössere Selbständigkeit und Frei- 
heit erstrebt, dass sie die architektonischen und sonstigen Bande, welche die 
bildende Kunst dieser Epoche im Norden noch umschlossen hatten, aller- 
dings zeitiger zu durchbrechen bemüht ist und somit für ein System, wel- 
ches die geschichtliche Nothwendigkeit dieser Bande darlegt, vielleicht 
etwas störend erscheint. Die italienische Architektur dieser Zeit kann man 
ohne grossen Schaden für die Gesammtbetrachtung bei Seite liegen lassen; 
die dortige bildende Kunst aber, die nicht eine nur lokale, die vielmehr 
die allgemeinere Bedeutung hat, dass sie die in den übrigen Gegenden 
zumeist noch schlummernden Elemente zum höheren Leben erwachend 
zeigt, gehört meines Erachtens nicht füglieh in einen Anhang.  Wir 
müssen der näheren Gründe des Verfassers für sein Verfahren warten; aber 
schon der Schluss der Betrachtungen über den gegenwärtig vorliegenden 
Band durfte mein Bedenken als nicht ganz ungerechtfertigt erscheinen lassen. 
Der Verfasser deutet auf die Unterschiede des romanischen und 
gothischen Styles in der Architektur, bespricht zunächst das beiden 
Gemeinsame (in der Kirchen-Anlage) und geht dabei naturgemäss von 
der altchristlichen Basilika aus. Das architektonische Streben des Mittel- 
alters sei auf die "organische Basilika" gerichtet gewesen. Der Verfasser 
giebt dabei einige Andeutungen über den Begriff des Organischen, ohne 
aber gerade das Organische der Architektur, in seiner Wesenheit, in seiner 
Uebereinstimmung mit dem Organischen der Natur und seinem Gegensatze 
gegen dasselbe, hinreichend zu entwickeln, was bei der Fortführung des 
Princips bis zur denkbar höchsten Ausbildung des architektonisch Organi- 
schen gerade in der gothischen Architektur wohl erwünscht gewesen wäre i). 
 Eine Uebersicht der Grundrissbildung, in der eigenthümlichen Rhythmik 
seines Planes, folgt. Hierauf (statt. der Betrachtung des Inneren, die ich 
vorangeschickt haben wurde) die Betrachtung des Aussenbaues, zunächst 
der Facade. Auf die Bedeutung der letzteren, im Verhältniss zu andern 
Baustylen, legt der Verfasser vielleicht etwas zu viel Gewicht und erklärt 
das, was sich zum Theil aus den einfachsten structiven und ästhetischen 
Bedingnissen ergiebt, theilweise mit etwas zu tief herausgeholten Gründen. 
Wenn er aber sagt: "die griechische Architektur hatte keine Facaden", so 
ist das wohl nicht ganz richtig. Der griechische Tempel ist ursprünglich 
ein Tempel ohne Säulen oder mit so oder so viel Säulen in antis, also 
ganz entschieden ein Facaden-Bau, und verliert diese hervorstechende 
Bedeutung nur bei seiner Entwickelung zum Peripteros, bei welchem 
allerdings nur noch der Giebel die Facade als solche auszeichnet. (Der 
gleichfalls angezogene Vergleich mit dem griechischen Hause und dessen 
Hofeinrichtung gehört gar nicht hieher oder wurde im mittelalterlichen 
Klosterkreuzgang sein völlig entsprechendes und in künstlerischem Betracht 
vielleicht noch gewichtigeres Gegenbild finden)  Das Gruppenmässige 
des Aeusseren, mit seinem Aufsteigen in den Thurmban  über der Chor- 
i) Auc_h das an mich gerichtete Sendschreiben des Verfassers "über das 
OrganiSßhß 111 59T Baukunst", welches durch eine kleine Diiferenz in unsern 
Ansichtenfßrßlllßfst und imA Cottaschen Kunstblatt, 1844, N0. 58, abgedruckt 
war, gßllügtv meiner Auffassung nach, zu einer erschöpfenden Betrachtung der 
Sache-nicht. 
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.