Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften und Studien zur Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1491654
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1497973
Der 
Dom des heil. Markus 
Venedig. 
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soviel uns bis jetzt von dem Werke vorliegt, in gediegenster Weise. Wir 
können die Blätter des Werkes in Musse lesen wie ein Buch, unsre Ge- 
danken unzerstreut und unbeirrt durch alles Mitwirkende der räumlichen 
Gegenwart auf die ursprünglichen Absichten, aus denen der Bau hervor- 
gegangen ist, sammeln und im ruhigen Nachsinnen zu den Schwellen des 
geschichtlichen Kreises, um den es sich hier handelt, hinabsteigen. 
Das Werk besteht zunächst aus einer Folge von Blättern im grössten 
Folioformat; auf 17 Blätter bestimmt, sind deren gegenwärtig 9 voll- 
endet. Ein Widmungsblatt in italienischer Sprache, mit dem Namen 
des Kaisers von Oesterreich (Ferdinand's I, unter dessen Auspicien das 
Werk begonnen ward), eröffnet die Folge, Eine künstlerische Wirkung 
hat dasselbe durch die Beigabe mannigfacher, den Dekorationen der Kirche 
entsprechender Arabesken erhalten.  Dann ein Grundriss der ganzen 
Kirche und der mit ihr verbundenen Bauten (namentlich der Sakristei), 
mit genauer Bezeichnung aller Einzeltheile der räumlichen Disposition und 
mit vollkommen durchgeführter schriftlicher Angabe des Inhaltes sämmt- 
licher, im Innern der Kirche, im Umgange vor derselben und in den Ka- 
pellen enthaltenen musivischen Bilder. Schon hiedurch empfängt man 
eine so klare wie belehrende Uebersicht der Vertheilung dieser Bilder, 
I1. h. der Hauptanschauungen des alterthümlich christlichen Dogmas, nach 
Maassgabe der symbolischen Form der Kirche, und der besondern Ele- 
mente, deren Hinzufügung hier durch den Lokal-Coitus bedingt ward.  
Vier Blätter werden die musivische Dekoration des Fussbodens der Kirche, 
die mit den reichsten Mustern des sogenannten „alexandrinischen Werkes" 
versehen ist, enthalten. Eins dieser Blätter liegt vor. Mit der ersinnlich- 
sten Sorgfalt und Genauigkeit ist hier der hundertfach verschiedenartige 
Wechsel der Verzierungen, welche jeden Raumabschnitt ausfüllen, wieder- 
gegeben,  eine Blumenwiese, über der das Heiligthum sich emporwölbt. 
 Ein Blatt ist für die Ansicht des Aeussern, und zwar der Schauseite, 
sechs Blätter sind für die Ansichten des Innern bestimmt. Von den letztern 
sind bis jetzt vier vollendet. Es sind streng geometrische Aufrissc in ein- 
fach linearer Zeichnung; aber gerade diese schlichte Strenge hat Gelegen- 
heit gegeben, bei der Entwickelung des architektonischen Ganzen zugleich 
Jedes Einzelne nach seiner Eigenthümlichkeit in Form und Verhältniss 
wiederzugeben,  alles Eingebaute an Ambonen und dergleichen, alles 
Säulenwerk, allen Zierrath, die gesammte bildliche Ausstattung. Nichts, 
und sei es die geringste Kleinigkeit und Zufälligkeit, ist übergangen; mit 
lebenvoller Empfindung, mit höchster Feinheit und Klarheit ist jeder Ge- 
gßnstand ganz in der charakteristischen Weise seiner Erscheinung gezeich- 
net; Die Behandlung ist zum Theil so zart, dass das Auge an manchen 
Stellen ohne Hülfe des Vergrössernngsglases kaum zu folgen im Stande ist. 
Wie dio Besonderheiten jedes Blattwerkes an Säulenknäufen oder Gesimsen 
beobachtet sind, so das Geäder all der verschiedenartigen Marmortafeln 
mit denen die Unterwände der Kirche, den künstlichen Fournituren der 
heutigen Schreinerei vergleichbar, bekleidet sind. So nicht minder der 
ganze Reichthum de; figürlichen Darstellung an Sculpturen und Mosaiken, 
in dem feierlich starren Style der byzantinischen Kunst, in dem germanisch 
Weichen Flusse der Trecentisten, in dem Ringen nach freierer Bewegung, 
in den Formen der vollendeten und der schon entartenden Kunst. Alles 
auch, was den Mosaiken an Inschriften beigefügt ist, findet sich aufs Ge- 
Kugler, Kleine Schriften. II. 31]
        

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