Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften und Studien zur Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1491654
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1497863
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und Kritiken. 
Berichte 
streckte, schreiende Mauritanier im Hintergründe, der in die kleine Lücke 
zwischen den beiden Hauptgruppen des Vorgrundes eingeschoben ist, die 
Composition nicht eben in wohlgefälliger Weise ausrundet; und dass die 
hinteren Partieen des aus dem Thore hervorkominenden Zuges, die Halb- 
iiguren der Reiter und Einiges, was wie Pferderücken aussieht, keinesweges 
eine klarer dem ausführenden Künstler recht bewusste Composition verra- 
theu, dass hier vielmehr ein nur ziemlich Willkürliches Zusammengefüge 
sichtbar wird, ähnlich wie bei den Füllstücken in den nach Raphaels 
jugendlichen Compositionen ausgeführten Fresken der Libreria des Siencser 
Domes. 
Wenn wir hienach die in den Hauptzügen so meisterhafte Composition 
durch einen Künstler ausgeführt sehen, der allerdings, in geistiger wie in 
körperlicher Beziehung, eine frappante Wirkung erstrebte, ohne doch der 
dazu erforderlichen Mittel Herr zu sein, so werden wir durch mancherlei 
Besonderheiten näher auf seine eigenthümliche Richtung hingewiesen. Die 
Composition, ich wiederhole es, ist unbedenklich raphaelesk, die Haupt- 
züge des Einzelnen ebenso. Dies und jenes aber ist trotzdem weder im 
Charakter Raphaels, noch in dem seiner Schule, zum Theil nicht einmal 
in dem der damaligen italienischen Kunst. So trägt der Schcrge hinter 
dem Simon, der das Kreuz mit der Linken niederdrückt und mit der 
Rechten eine Lanze erhebt. eine hellblaue Tunika (beiläufig von unschön 
kleinlichem Gefälle) und darüber einen hellrothen Oberrock mit nordisch 
zugeschnittenem Fallk-ragen, ganz in der Weise, wie wir Aehnliches aus 
Bildern des Lucas von Leyden und seiner Richtung gewohnt sind. Der 
Turban auf dem Haupte des einen Reiters könnte etwa an Eigenthümlich- 
keiten der ferraresischen Schule, kann mit diesen aber ebenso gut an nor- 
dische, besonders niederländische Elemente erinnern. Die reichlich und 
in verschiedenen Mustern angewandten Goldsäume der Gewänder deuten 
ebenfalls vorzugsweise nach Norden; so auch die etwas ungeheuerlich ge- 
bildeten Pferdeköpfe, die in denselben breiten und rundlichen Formen in 
mehr als einem nordischen Schnitzwerk wiederkehren 1). Nicht minderent- 
sprechen die Rüstungen der Krieger in Form und Behandlungsweise den- 
jenigen Motiven, die sich, im Uebertragen spätmittelalterlicher "auf antike 
Bildungen, besonders bei den damaligen Niederländern häufig finden. 
Endlich ist der allgemeine Ton des Bildes  und dies vornehmlich fällt 
dem Beschauer beim ersten Anblick der Kopie auf  von dem Charakter 
der damaligen italienischen Schulen ziemlich entschieden abweichend; es 
fehlt das LüstTet die Tiefe, das Luftgefühl, das dort bereits überall, ob 
auch in den verschiedenartigsten Modiiicationen, zu Grunde liegt; es ist 
hier etwas körperhaft Starres im Ton, was eben auch nur in der damaligen 
niederländischen Kunst seine eigentliche Heimat hat; es fehlt selbst nicht 
an einzelnen Reminiscenzen an die speciellen Farbentöne der tlandrischen 
Schflle, wennschon man die Absicht wahrnimmt, dieselben möglichst ins 
Italienische umzuschmelzen. 
 Habe ich in alledem richtig gesehen und darf man überhaupt auf die 
lH_ Rede Stehende Kopie (die, ich wiederhole es, in so vielen Beziehungen 
1111i den Kupferstichen übereinstimmt) ein selbst nur hypothctisches Urtheil 
 wen" man Raphael nicht als grossen Pferdemaler gelten lassen will, so 
wüsste xch doch wahrlich nicht, wo er sonst dergleichen phantastische Missformen 
von Pferden gßächaifen hätte.
        

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