Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften und Studien zur Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1491654
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1497840
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Berichte und 
Kritiken. 
motivirt, so dass ich in der That nicht allzuviel zu wagen glaube, wenn 
ich aus ihr einen Rückschluss auf das Original mache. Allerdings kommt 
es hiebei zunächst in Frage, inwieweit überhaupt der ursprüngliche Zu- 
stand des letzteren noch erhalten und erkennbar sein mag. Schon die 
Mirakelgeschichte, die Vasari von demselben erzählt: wie das Bild gleich 
nach seiner Vollendung, also mit noch ziemlich frischen und verletzbaren 
Farben, nach Palermo eingeschiftt worden und wie es, als das Schiff mit 
Mann und Maus untergegangen, in seiner Kiste den weiten Seeweg nord- 
wärts nach Genua zurückgelegt habe,  schon dieser Umstand dürfte uns 
schliessen lassen, dass es mit der ursprünglichen Beschaffenheit desselben 
eine kritische Sache sei; da die Hauptsache des Mirakels aber eben darin 
bestand, dass das Bild trotz aller ätzenden Kraft des Seewassers völlig 
unverletzt an der genuesischen Küste landete, so werden wir hiebei unser 
kritisches Bedenken ausser Spiel lassen müssen, sollten wir auch in ratio- 
nalistischer Auslegung der ehrwürdigen Tradition gar zu der gewagten 
Hypothese kommen, dass nicht die Kiste allein, sondern mit ihr zugleich 
das solide 'l'ransportschiif den unbeabsichtigten Weg nach Norden gemacht 
habe. Dann wissen wir, dass das Bild, als es nach Paris gebracht war, 
dort von dem Holz auf Leinwand übergetragen ist, und wir können somit 
leicht auf die Vermuthung kommen, dass diese schwierige Manipulation 
vielleicht doch starke Verletzungen hervorgebracht und in Folge dessen 
bedeutende Uebermalung nöthig gemacht haben dürfte. Aber wir kennen 
genug andre Bilder, bei denen diese Operation mit mehr oder minder 
guten Erfolgen vorgenommen ist, ohne doch, wie selbst bei Raphaels heili- 
ger Margaretha im Louvre, die dadurch bekanntlich im äussersten Grade 
angegriffen wurde, den Charakter der Originalität ohne Weiteres auszu- 
löschen. Beruhigen wir uns also auch hiebei, so weit wir es vermögen, 
und halten wir andrerseits an der Bemerkung fest, wie die Schlesingefsche 
Kopie in Allem, was Auffassung, Behandlung, Sonderharkeiten und Mängel 
anbetrifft, eine so charakteristische, in sich übereinstimmende Eigenthüm- 
lichkeit hat, dass wir dieselbe doch nicht füglich auf Rechnung etwaiger 
Störungen der ursprünglichen Beschaffenheit des Originales, und ebenso- 
wenig, wie es scheint, auf den etwaigen Eigenwillen des Kopisten, dessen 
Meisterschaft in sonstigen Leistungen der Art überdies zur Genüge bekannt 
ist, setzen dürfen. Ist Herr Professor Schlesinger, wie es allerdings der 
Fall sein dürfte, bemüht gewesen, bei Ausführung der Kopie von den ohne 
Zweifel vorhandenen zufälligen Störungen des Originale-s abzusehen und 
dasselbe in möglichster Integrität wiederzugeben, so werden wir ihm auf 
Grund seiner langjährigen reiflichen Erfahrungen auch hierin einigen 
Glauben schenken und die Kopie  soweit dies überhaupt bei einer Kopie 
zulässig sein kann  zur Basis, ich will nicht sagen: eines absoluten 
Urtheils, aber doch einer nicht unbegründeten Hypothese über die künst- 
lerische Stellung des Originales nehmen dürfen. 
_DaSS die Compositiou der Kreuztragung, in dem Zusammenfassen der 
dann enthaltenen Momente, in der dramatischen Entwickelung der Hand- 
lung, m der, bei dem Höhenverhältniss des Bildes doppelt schwierigen 
Anordnung und Gruppirung, eine der genialsten Oonceptionen Raphaels ist, 
bedarf hier keiner Auseinandersetzung. Ich würde nicht bloss das Urtheil 
mehrerer Jahrhunderte, ich würde das Urtheil eines jeden, für Kunst irgend 
empfänglichen Gemüthes unberücksichtigt lassen, wollte ich dem wider- 
sprechen. Ich habe also nicht nöthig, hierauf weiter einzugehen; ich wende
        

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