Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften und Studien zur Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1491654
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1497833
Einige 
über Raphaels 
Bedenken 
Kreuztragung. 
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Anzahl, zum grössten Theil im königlichen Besitz befindlicher Kopien nach 
Raphael, die, im Ganzen vierzig Gemälde, in der Rotunde des llluseums 
aufgestellt waren. Bis auf wenige Ausnahmen nach Staifeleigemälden des 
grossen Meisters ausgeführt, gaben sie eine so genussreiche wie belehrende 
Uebersicht über die verschiedenen Epochen seiner Wirksamkeit, von seiner, 
unter Peruginos Leitung emporblühenden Jugend an bis zu seinem Tode 
Die Kopien waren freilich von sehr verschiedenartigem Werth; gaben einige 
das Bild des Meisters nur wie in einem trüben, andre gar wie in einem 
übel geschliffenen Spiegel wieder, so wehte uns aus der Mehrzahl doch 
sein Geist in erfreulicher Frische entgegen und vor Allem hatten wir in 
Hensel's Kopie der Üransüguration, der bisher in der Charlottenhurger 
Schlosskapelle kein sehr günstiger Platz zu Theil geworden ist, aufs Neue 
eine Arbeit zu bewundern, wie sie die nachbildende Kunst gewiss nur 
selten hervorgebracht hat. Eine Reihe von Kupferstichen, theils solche, 
die Marc Anton nach Zeichnungen Raphaels gearbeitet, theils neuere 
Blätter nach seinen vatikanischen Fresken, reihten sich an, auch mehrere 
Originalhandzeichnungen (fast alle aus dem königl. Kupferstichkabinet), 
unter denen besonders der wundervolle, mit der Feder gezeichnete Ent- 
wurf zu dem [Fischzug Petri (die zu den Tapeten gehörige Composition) 
stets nur mit erneuter Lust betrachtet werden konnte. Noch weiter ver- 
mehrt wurde die reiche Schau durch die Tapeten, die, mit den bekannten 
vatikanischen 'l'apeteu (erster Folge) gleichzeitig gefertigt und mit ihnen 
von gleichem Werth, vor einiger Zeit für das hiesige Museum erworben 
und kürzlich über der Gallerie der Rotunde, in sehr stattlicher, aber nicht 
ebenso zweckmässiger Weise, aufgestellt sind. 
Unter den Kopien der Statfeleigemälde befand sich auch die Kreuz- 
tragung (Spasirno di Sicilia), die in jüngster Zeit durch den Professor 
Schlesinger, Restaurateur der Gemäldegallerie des Museums, im Auftrage 
des Königs nach dem in" Madrid befindlichen Originale angefertigt ist. Bei 
der grossen Bedeutung und dem grossen Ruf, den diese Composition unter 
Raphaels sämmtlichen Arbeiten hat, bei der weiten Entfernung des Origi- 
nals, die die meisten von uns auf unmittelbare Bekanntschaft mit demselben 
verzichten lässt, bei der anerkannten Meisterschaft Schlesingers in der 
Wiedergabe der Eigenthümlichkeiten der alten Meister waren die hiesigen 
Kuustfreunde auf die Erscheinung und öffentliche Ausstellung der Kopie 
lebhaft gespannt gewesen. Man fand aber nicht, was man erwartet hatte, 
und ein ziemlich allgemeines Missbeliagen war unverkennbar. Viele wuss- 
ten gar nicht, was sie aus einem Bilde machen sollten, das so auffallend 
von der raphaelischen Behandlungsweise abwich. Einige trösteten sich 
kurzweg und meinten, es Sei eben eine missrathene Kopie; Andre deuteten, 
nicht ganz ohne sarkastische Bemerkungen, darauf hin, dass der berühmte 
Restaurator wohl die Absicht gehabt habe, uns einmal auf eelatatlte Weise 
zu zeigen, wie Raphaels Bilder, ehe _Zeit und Unverstand sie in ihre 
dermaligen Zustände versetzt, llrspffillghch beschallen gewesen seien, oder 
vielleicht gar: wie Raphael eigentlich hätte malen sollen. Auf mich, ich 
bekenne es unumwunden, hat dlß Kopie bei allem Befremdlichen einen 
sehr entschiedenen, ich möchte sagen: zuversichtlichen Eindruck gemacht 
und sich in diesem bei längerem und wiederholtem Beschauen immer fester 
behauptet; sie hat mir manche Bedenken, die mir schon bei Betrachtung 
der Kupferstiche der Krevmßevvg aufgestiegen waren, auf die ich aber 
bis dahin kein sonderliches Gewicht legen mochte, bestätigt und näher
        

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