Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften und Studien zur Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1491654
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1497712
Das Rathhaus in 
Bremen. 
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den, die derbe Fülle ihrer dekorirenden Theile, besonders bei ihrer oberen 
Krönung, einen so entschiedenen wie erfreulichen Eindruck. Dasselbe gilt 
von dem breiten Erkerbau über der Mitte der Halle, der zwar eleganter 
und feiner gehalten, in dem überall durchgehenden tüchtigen Relief Seiner 
Theile aber doch von den Papiercompositionen ähnlicher Art, die uns die 
heutige Kunst mehrfach geliefert hat, unendlich weit entfernt ist. Zu- 
gleich ist in diesem Erkerbau, in der sinnreichen Verknüpfung und Aus- 
und Umbildung antikisirender Einzeltheile zu einem neuen Ganzen von 
eigenthümlich selbständiger Wirkung, eine so wohlthuende Enrhythmie, 
ein so schönes, sich überall gegenseitig bestimmendes Maass entwickelt, 
dass ich ihn, wie auch die Halle selbst, unbedenklich zu den schönsten 
und gültigsten Beispielen des Renaissancestyles rechnen muss. Nur die 
Brüstung über der Halle erscheint etwas willkürlich in ihren Formen; und 
noch ungleich mehr, zur barocken, kleinlich spielenden Weise gesteigert. 
ist dasselbe bei der Giebeldekoration des Erkers und bei den kleineren 
Giebeln, die ein Paar Dachfenster schmücken, der Fall. 
Der Zeichner ist Architekt und hat als solcher in seiner Darstellung 
überall mit genauer Sachkenntniss, zugleich aber auch mit steter Rücksicht 
auf die erforderliche malerische Wirkung (auf die ohnehin bei Architek- 
tllren des Renaissahcest-yles und der späteren Zeit so viel ankommt) gear- 
beitet. Soweit es daher bei einer übersichtlichen Darstellung, wie der in 
Rede stehenden, thunlich ist, wird uns hier die mannigfachste Belehrung 
gegeben. Aber nicht blos dies: das Blatt au sich bringt einen durchaus 
Wßhlgefälligen künstlerischen Eindruck hervor; wir fühlen uns im An- 
schauen desselben vor eine so interessante wie charaktervolle lokale Indi- 
vidualität versetzt; die reiche Staifage ist mit vollkommen genremässiger 
Freiheit, der es auch an Anmuth und Laune nicht fehlt, behandelt, das 
Ganze in Ton und Stimmung, ohne wohlfeile Effekthascherei, ächt male- 
risch zusammengehalten. Wenn in der lithographischen Ausführung die 
Sicherheit des erfahrenen Steinzeichners hie und da vermisst wird, so 
entschuldigt uns dafür hinlänglich die höherstehcnde Sicherheit der Origi- 
nalarbeit, die überall unmittelbar erkennen lässt, was der Künstler ge- 
wollt hat. 
Ich wünsche dem schönen Blatt umfassenden Beifall, aus den allge- 
meinen Gründen, die sich aus dem Vorstehenden ergeben, zugleich aber 
auch aus einem besonderen Grunde. Das Rathhaus ist in seinen Renais- 
Sancetheilen überaus reich an dekorirenden Einzelheiten, die sich, wie niir 
durch einsichtige Männer versichert wird (ich kenne das Gebäude bis jetzt 
nicht aus eignet Anschauung), durch schwungvolle Behandlung und saftige 
Fülle überall sehr vortheilhaft auszeichnen sollen. Es würde daher sowohl 
für die Kenntniss der Kunst jener Epoche als zur fördernden Belehrung 
der heutigen Kunst gewiss ein sehr dankenswerthes Unternehmen sein, 
wenn der Zeichner des Blattes sich entschlösse, eine möglichst umfassende 
Reihe von Detailblättern über die Dekorationen des Rathhauses, ebenfalls 
in bildlich malerischer Darstellung (nicht im trockenen Umriss) folgen zu, 
lassen, Wir haben von Seiten der Wissenschaft dem Architekturstyl jener 
Zeit, zumal der Entwickelung desselben in Deutschland, seither noch nicht 
volle Gerechtigkeit widerfahren lassen und würden daher jede Gelegenheit, 
Unser Urtheil möglichst gründlich zu berichtigen, sehr dankbar erfassen. 
Wir können aber auch für unsere werkthätige Kunst, die in der architek- 
tonischen Dekoration nur allzu häufig, hier in eine täppische Plumphcit, dort
        

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