Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften und Studien zur Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1491654
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1497605
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Berichte und Kritiken. 
geber dem Formenfrühling der mittelalterlichen Kunst nachging, wird auch 
hier durch ein jedes Blatt bekundet und theilt sich dem Beschauer unwill- 
kürlich mit: es ist der Geist der Romantik in seiner liebenswürdigsten 
Erscheinung, der durch das ganze Werk waltet. Gleichgesinnte finden hier 
ein Material, überall so ächt, dass sie sich demselben rückhaltslos hingeben 
dürfen; die andern, die nicht geradezu zur romantischen Fahne schwören, 
finden wenigstens die maunigfaltigste Gelegenheit zum nachdenklichen und 
gewiss auch für sie sehr fruchtbaren Studium. 
Ueberblicken wir flüchtig den Inhalt des neuen Bandes. so begegnet 
uns zunächst wiederum eine Anzahl Blätter, welche den ornamentistischen 
Architekturformen des romanischen (byzantinischen) Styles gewidmet sind, 
von seiner älteren barock-phantastischen Weise bis zu seiner späteren 
mehr gereinigten und maassvolleren Durchbildung. Umfassender sind die 
Darstellungen, welche der Zeit des gothischen, und zwar diesmal ziem- 
lich ausschliesslich des spätgothischen Styles angehören. Neben mancher- 
lei ornamentistischen Einzelheiten, die, zumeist im grösseren Maassstabe 
abgebildet, das besondere Formengefüge vortrefflich wiedergeben, wird uns 
eine ganze Reihenfolge von verschiedenartig dekorirten Thüren, von Fen- 
sterkrönungen, 'l'aufsteinen u. dergl. gegeben. Einzelne Blätter verdienen 
besonders hervorgehoben zu werden. Ungemein geschmackvoll sind vier 
Blätter mit reichverzierten Buchstaben in vollständig alphabetischer Folge, 
die aus spätmittelalterlichen Handschriftblättern entnommen sind. Ein 
schöner thronartiger Stuhl, ein merkwürdiger Tisch prägen sich ebenfalls 
der Erinnerung ein. Sehr interessant ist ein, vom Herausgeber entdecktes 
Plafondgemälde in dem Kaiserzimmer der ehemaligen Reichsveste zu Regens- 
burg; es stellt, in kolossalcm Maassstabe, den deutschen Reichsadler dar, 
gelb auf schwarzem Grunde, von Ornamenten umgeben. Eine Wandmalerei 
im Pfarrhofe St. Lorenz zu Nürnberg enthält phantastisch-abenteuerliche 
Schlachtscenen, arabeskenhaft verschlungen; der Herausgeber deutet sie 
sinnreich auf die Geschichten des Hussitenkrieges. Sehr dankenswerth ist 
die Mittheilung eines überaus reizend componirten Räuchergefasses und 
eines ebenso schönen Bischofstabes, beide nach seltenen Kupferblättern von 
Martin Schön genau copirt. Auch die Darstellung eines Bogenköchers, 
nach dem Köcher, den der Herkules auf dem Dürefschen Bilde zu Nürn- 
berg trägt, ist interessant. Umfassendere architektonische Durchbildung 
zeigen die beiden prächtigen Brautthüren von St. Lorenz und St. Sebald 
zu Nürnberg, die der Herausgeber in ausführlich restaurirter Gestalt vor- 
führt. Ihnen schliessen sich der schöne lnnsbrucker Erker, das ngoldne 
Dachl", und mehrere Blätter mit alten Theilen der Nürnberger Rathhaus- 
Anlage an etc. etc. 
Der Herausgeber verheisst seine Ornamentik des Mittelalters so lange 
fortzusetzen, als ihm die Vorsehung Leben, Kraft und Gesundheit verleihen 
Werdß- Möge uns daher die Freude werden, noch viele Fortsetzungen des 
schönen Werkes, dem der Beifall des Publikums gewiss nimmer fehlen 
wird, Zu begrüssen! Möge der verehrte Herausgeber mir aber auch hier 
zum Schluss eine ziemlich ernsthafte Rüge vergönnen. Der Text ist in 
deutscher und französischer Sprache abgefasst, was an sich Niemand übel 
deutßll Wird. und um so weniger, als dadurch dem Eintluss des Werkes 
und der Anerkennung deutscher Kunstleistungen ein doppelter Spielraum 
vermittelt wird. Aber auf dem Titel steht zu oberst, sehr gross 
gedruckt:
        

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