Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften und Studien zur Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1491654
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1497465
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Berichte und Kritiken. 
Kunstgeschichte gezogen worden, obgleich sie uns auch für diese Disci- 
plinen, und namentlich für die letztere, für die Anschauung der kunst- 
historischen Entwickelung, die mannigfachsten und schätzbarsten Aufschlüsse 
gewährt. „Denn (so bemerkt der Verfasser des oben genannten Werkes 
sehr richtig) wie wenig plastische Kunstwerke, welche dem llten bis Ab- 
schluss des 13ten Jahrhunderts angehören, haben wir in Deutschland? Ueber 
wie wenige von diesen wissen wir mit Bestimmtheit die Zeit ihrer Ent- 
stehung anzugeben? Und wie wenige unter diesen wenigen bestimmbaren 
stellen historische Personen, Vaterländische Beziehungen darf)?  Siegel 
hingegen aus diesen Jahrhunderten sind, im Verhältnisse zu den übrigen 
plastischen Werken, zahlreich, durch die Urkunde und die Person des 
Siegelnden ist die Zeit ihrer Entstehung und sind die Gränzen ihres Ge- 
brauches genau bestimmt, die Hauptsiegel der Regenten haben die Gestalt 
des Fürsten im höchsten Glanz der Waffen oder der Fürstenwürde zum 
Gegenstande der Darstellung, und sind von den besten gleichzeitigen Künstlern 
ihres Faches ausgeführt. Dasselbe gilt zum grössten Theile von den Siegeln 
der Geistlichkeit. grossentheils auch von jenen des hohen Adels, besonders 
der Würdenträger und der Frauen, während uns die Siegel der Konvente, 
Domkapitel, vielfach auch der Geistlichkeit, in Schutzheiligen, Martyrge- 
schichten, in Darstellungen aus dem alten und neuen Testamente, der Le- 
gende und örtlichen Sage, eine Fülle mittelalterlicher Religionsvorstellungen, 
Symbole, Kostüme und Kunstideen zeigen, und in Verbindung mit den 
Städtesiegeln wichtige Aufschlüsse über mittelalterliche Architektur, deren 
verschiedene Uebergangsepochen, und über Befestigungsweise geben. Hieran 
schliesst sich die reichliche Ausbeute, die der Sprachforscher für die Epi- 
graphik und Paläographie des Mittelalters aus der Beschäftigung mit den 
Siegeln gewinnen wird.  Daraus geht nun hervor, dass die Siegel an und 
für sich eine wesentliche Quelle der Kunst- und Sittengeschichte sind, und 
dass durch dieselben mittelalterliche Kunstwerke von unbestimmtem Alter 
am sichersten der ihnen zukommenden Zeit- und Kunstepoche können 
zugewiesen werden." 
 Wenn demnach der Unterzeichnete vielleicht der erste gewesen ist, der 
den Versuch gemacht hat, die Bedeutung der Siegelkunde für das Stu- 
dium der Kunstgeschichte dem System der letzteren einzureihen, wenn 
ausserdem nur erst einzelne Detailforschungen für diesen Zweck (wie 
namentlich die höchst verdienstlichen "Sphragistischen Aphorismen" von 
C. P. Lepsius) vorliegen, so werden wir das obengenannte Werk des 
Herrn Melly, das seine gestimmte Aufgabe in besonnenster Weise umfasst 
und, neben allen übrigen Gesichtspunkten, welche dabei zur Sprache kom- 
meu, auch den des Kunstgeschichtlichen und die hiebei sich ergebenden 
Resultate mit klarem Verständniss darlegt, doppelt willkommen heissen 
müssen. In der That gewinnen wir hiedurch für den Weiterbau des grossen 
SYSWIIIS der Kunstgeschichte mannigfach charakteristische und schätzens- 
werthe Materialien. 
Der Verfasser ist übrigens fern davon, seinerseits sofort mit einem 
System der Siegelkunde aufzutreten. Seit Heineccius die letztere vor fast 
anderthalb Jahrhunderten zuerst versuchsweise zu einer selbständigen 
WiSSEIlSChßft ausgeprägt, haben sich die Ansprüche unendlich verändert 
und erweitert; doch sind neben mehr oder weniger unzulänglichen Sammel- 
werken nur erst Einzelforschllngen hinzugekommen, die den weiten Kreis 
noch auf keine Weise abgränzezi. Auch der Verf. giebt somit vorerst nur
        

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