Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften und Studien zur Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1491654
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1492326
so 
Berichte 
und 
Kritikvn. 
teristisch vorherrschend bleibt. Dies wäre somit ein sehr eigenthürnlichcs 
Element der französischen Architektur, und da dasselbe dort unstreitig 
früher erscheint als die verwandten Motive in Deutschland, S0 dürfte man 
bei der Betrachtung der letzteren auch auf jenes zurückkehren müssen. 
Dabei aber ist es sehr auffallend, dass jene Siiulenform in Frankreich 
ohne alle Vorbereitung, ohne dass hierin wenigstens eineAhnung jener 
gerühmten Uebergangsmotive sichtbar würde, Ian dievStelle des byzantini- 
schen (in späterer Zeit reich gegliederten) Pfßllßrß trltt. Die Verniuthung 
oder vielmehr der folgerichtige Schluss liegt sehr nahe, dass dieser plötz- 
liche Wechsel durch äusserliche Umstände,  durch fremden Einfluss ver- 
anlasst sei. Blicken wir umher, ein architektonisches System aufzufinden, 
welches dieser französischen Neuerung als Grundlage gedient haben dürfte, 
so sehen wir ein solches ziemlich deutlich in den sieilianisch-normannischen 
Bauten des zwölften Jahrhunderts (über die" wir jüngst durch mehrere Werke 
unterrichtet sind) vor uns. Dort sind es Basiliken, der Hauptforrn nach 
altchristlich und zunächst nur in kleinen Einzelheiten durch neugrieehi- 
sehen und saracenischen Einfluss modificirt. Ganz eigenthümlich aber ist 
ihnen,  wohl auch durch saracenischen Einfluss hervorgebracht,  der 
Spitzbogen über den Säulen, dem sich dann spitzbogige Fenster und Por- 
tale anschliessen. Auf welchem Wege dies eigenthümliche Element der 
Architektur (Säulen und Spitzbogen) nach Frankreich hinüber-getragen sein 
dürfte, um dort, in Vereinigung mit den nationalen Principien, ein neues 
System der Architektur hervorzubringen, wüsste ich für jetzt zwar nicht 
mit genügender Bestimmtheit nachzuweisen. Vielleicht aber. hat Frank- 
reich dieses Element gar nicht einmal aus erster Hand aus Siellien; viel- 
leicht ist es zuerst nach den Niederlanden hinübergetragen, wo dasselbe 
das ganze spätere Mittelalter hindurch mit ungleich grösserer Einseitigkeit 
und ganz ohne Verbindung mit de.n Principien des Gewölbebaues erscheint. 
Leider kenne ich zu wenig das Detail der niederländischen Bauten, um 
diesen Punkt gegenwärtig vollständig erörtern zu können. 
Ich habe schon vorhin bemerkt, dass die Grundform der Säule in den 
französischen Kathedralen sich auch in der Folgezeit auf eine auffällige 
Weise bemerklich macht. So ist es in der That: die an sie angelehnten 
Halbsäulchen treten mit ihr in keinen organischen Zusammenhang; selbst 
zwischen den Gewölbgurten und der Säule und ihren Halbsäumhen erscheint 
der Zusammenhang (die Entwickelung der einen Form aus der andern) 
schwer, sogar den Bögen fehlt es an einer vollendet bewegten Bildung 
des Protiles. Alles dies bleibt, wie leicht und kühn auch die übrigen 
baulichen Verhältnisse in späterer Zeit werden, in der Architektur des 
nördlichen Frankreichs stereotyp; eine weitere innere Entwickelung findet 
hier nicht statt. Nur einige wenige Gebäude, wie z. B. St. Ouen zu Rouen, 
sind davon auszunehmen; aber die neuen, weichen Gliederformationen, die 
bei diesen erscheinen, sind nicht aus einer stetigen Formbilriung des na- 
tionalen Elementes hervorgegangen, vielmehr, wie es scheint, durch frem- 
den Einfluss (möglicher Weise durch den Einfluss unserer spätgothischen 
Bauten) hervorgebracht.  Wie anders aber gestaltet sich das Verhältniss 
in Deutschland! Mögen wir auch die Grundform der Säule für das Innern 
der gothischen Kirchen aus Frankreich erhalten haben, schon in ihrer er- 
Stell Anwendung (Wie z. B. in der Elisabethkirche zu Marburg) tritt sie 
uns in einer mehr organischen Verbindung mit den an sie gclehnten Halb- 
säulchen entgegen; von der so lebenvollen, so klar bewegten, so völlig
        

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